Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

Seite: 60
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lieber der Thüre sehen wir den hier gern
angebrachten, entscheidenden Ziel- und
Durchgangspunkt des Christen, das „letzte
Gericht", geschildert. Im Tympanon hat
der Richter, umgeben von Engeln mit
den Leidenswerkzengen, beide Hände zum
Spruch erhoben; weiter abseits die zwölf
Apostel »judicantes duodecim tribus
Israel«; oben und am Thürsturz stoßen
se 2 Engel mächtig in die Posaune, um
die unten ans den Gräbern Anserstehenden
herbeiznrufen. — Damit nun den Menscher:
durch den Richterspruch des Erlösers der
Himmel geöffnet werden könne, deßhalb hat
dieser die Kirche gegründet. Letztere wird
als das Reich der Gnade und seligen Hoff-
nung in der Parabel von den Arbeitern
im Weinberge, die in einzelnen von Wein-
ranken umrahmten Gruppen an den rechts-
seitigen Pfeilern dargestellt ist, dem Ein-
tretenden vorgeführt. Und linkerseits wird
er durch die Werke der Barmherzigkeit,
die in 6 Scenen unter Doppelbögen ver-
theilt sind, an die Pflicht erinnert, durch
Anwendung der Gnade zur praktischen
Nächstenliebe sich ein gnädiges Gericht zu
verdienen. — Das Tympanon des südlichen
Portals scheint den vorigen Gedanken zu
ergänzen. Es zeigt in den Zweigen eines
Baumes mit Früchten einen Menschen;
zwei Thiere benagen die Wurzeln und ein
Drache speit Feuer hinauf; Sonne und
Mond erscheinen am Himmel in ihrem Ge-
spann, und unten blasen zwei Gestalten
auf großen Hörnern, oben fliegen zwei
durch die Luft: die Gefahren des leicht-
sinnigen Genusses der Güter der Welt?
Der Thürsturz hat in Medaillons, mitten
die Gestalt Gott Vaters mit der Inschrift:
Ego sum A et O, neben diesem das
Lamm Gottes - und St. Johannes. Das
Nordportal erzählt einige Hauptdata der
Erlösungsgeschichte: im Tympanon die An-
betung der hl. Dreikönige, an den Archi-
volten zeigt es Propheten mit den Brust-
bildern der Apostel in Händen, am linken
Pfeiler den Stammbaum Jakobs und Lea's,
oben Moses, rechts die Wurzel Jesse und
am Thürsturz aus dem Leben des Täufers:
Taufe Christi, Herodias tanzend neben
einem Teufel, des Täufers Tod. Diese Dar-
stellungen sind in einem verhältnißmäßig
freien und lebendigen Stile ausgeführt,
während diejenigen im Innern, am Mar-

moraltar: Johannes der Täufer und zwei
Kleriker, dann die tragenden Löwen des
Taufbeckens stilistisch steif erscheinen. Das
Taufbecken im Baptisterium bei S. Lorenzo
in Chiavenna von 1206 weist noch äußerst
rohes Bildwerk auf. Manche Werke dieser
Spätzeit sind noch recht derb phantastisch,
während andere sich in den konventionellen
Formen des alten Stils unselbständig weiter
bewegen.

Daß dennoch die italienischen Bildner
von einem höhern Selbstbewußtsein als die
gleichzeitigen, meist geschickteren, deutschen
Meister erfüllt waren, zeigt der schon er-
wähnte Umstand, daß sie nie vergaßen,
durch Inschriften an ihren Werken der
Nachwelt ihren Namen aufzubewahren.
Dieses Selbstgefühl wurde noch gehoben
durch das entgegenkommende Interesse,
welches die Bürgerschaft an ihrem künst-
lerischen Schaffen nahm und selbst durch
übertriebene Lobsprüche an den Bandenk-
malen bekundete. Daher mußte wohl der
echt christliche und kirchliche Sinn, der früher
auch hier alles Einzelwerk zur Verschöne-
rung der Gotteshäuser in demüthiger Selbst-
vergessenheit dem Großen Ganzen, zur Ehre
Gottes, nnterordnete, die Gemüther in
Deutschland noch mächtiger beherrschen.

(Schluß folgt.)

Wandbekleidung mit Thonfliesen.

Von Donwikar Schnitt gen in Köln.

Die beiden interessanten Artikel, in denen
über die Bekleidung der unteren Partieen
der Kirchenwände mit Marmortafeln
(1885 No. 8) oder mit Teppichen
(1886 No. 3) geschichtliche Mittheilungen
und praktische Rathschläge gegeben werden,
erinnern an ein anderes Wandbekleidungs-
material, welches vor jenen beiden noch
manche Vorzüge hat. Die Marmortäfelung
begegnet nämlich großen technischen Schwie-
rigkeiten , zumal wenn sie auf unregel-
mäßig gestalteten Wänden und mit großen
Platten ausgeführt werden soll, etwa nach
Art der gespaltenen Tafeln in St. Vitale
zu Ravenna und in St. Marko zu Venedig,
bei denen die Musterung bekanntlich hervor-
gernfen wird durch geschickte Benutzung,
resp. viermalige Zusammenstellung der natür-
lichen Marmormaserung, nach Art der
moderner: Furnirarbeiten. Dazu erfordert
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