Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

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und in Finsterniß hängt der Verräther am
Holze des Fluches.

Das 14. Bild ist ein Doppelbild: es stellt,
durch einen Bandstreifen abgetrennt, die
A u f e r st e h u n g C h r ist i und die Auf-
nahme Mariens zum Himmel dar; da-
runter stehen die Worte: „Tod, wo ist dein
Sieg, und Hölle, wo ist dein Stachel?"
1 Cor. 15, 55. Dort entsteigt Christus sieg-
reich an: Ostermorgen dem Grabe und zer-
tritt in seiner Erhebung mit dem Fuße den
Scepter des Todes, der sich ängstlich
zu den Füßen des Erstandenen mit der
Siegesfahne in die Grube hinabdrückt,
während die Schlange vom Grabe weg
sich zu den Füßen der Schlangentreterin, der
zweiten Eva, hinkrümmt, Mariens, die als
erste Frucht des Todes und der Auferstehung
Christi von Engelshänden leiblich zum Himmel
aufgetragen wird. Wir glauben ja, daß die
Mutter Jesu jetzt schon im Gewand der
Auferstehung bei Christus im Himmel weilt.
So gibt dieses Doppelbild einen gar schönen
gemalten Kommentar zu den Worten, die
Christus der Herr am Grabe des Lazarus
gesprochen hatte: „Ich bin die Auferstehung
und das Leben. Wer an mich glaubt, wird
leben, wenn er auch stirbt, und jeder, der da
lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit
nicht sterben." Joh. 11, 25. 26. Wie wohl-
thuend schließt so die Geschichte des Todes
aus dieser Welt mit diesem Doppelbild ab! Das
nächste Bild zeigt den ewigen Tod des Todes.

Der Künstler hat ihn mit der Parabel
von den klugen uit b th örichten Jung-
frauen , Matth. 25, 1—13, in Verbindung
gebracht. Das Himmelreich ist als der Palast
des Heilandes dargestellt, und der Bräutigam
steht am Eingang des Hochzeitssaa-
les, der festlich geschmückt und hell erleuchtet
ist, und in welchem Maria mit den Aposteln
sich niedergelassen haben. Die klugen Jung-
frauen, in Gestalt berühmter heiliger Mar-
tyrinnen, eilen freudig bewegt hinauf die
Stufen des Palastes mit ihren brennenden
Lampen dem Bräutigam zu: er hat bereits
der ersten die Hand gereicht, um sie zum
ewigen Hochzeitsmahl zu führen — es ist
(Dankt Cäcilia, in welcker der endlose
Freudenjubel des Himmels künstlerisch gestaltet
erscheint. Unten am Thor des Palastes sehen
wir in: letzten Bild wie im ersten wieder
St. Michael den Kirch enpatronen
erscheinen. Dieselbe Tradition der Alten,
welche ihn den Schlüssel des Paradieses führen
läßt, gibt ihm auch den Schlüssel des Todes
und des Abgrunds (Off. 20, 1). Das Ge-
mälde stellt den Moment in der Parabel dar,
Math. 25, 10: „Während die thörichten
Jungfrauen fortgiengen, Oel zu kaufen, kam

der Bräutigam, und die, welche bereit waren,
giengen mit ihm zur Hochzeit, und die Thüre
ward geschlossen." Michael, der Thürhüter
des ewigen Paradieses, schließt den Tod und
den Teufel und die thörichten Jungfrauen
hinaus aus dem Himmelreich in die ewige
Finsterniß. Draußen vor dem Thore stürzen
sie hinab in den höllischen Abgrund, aus
welchem das ewige Feuer schon herausschlägt
und die abscheulichen Gestalten unheimlich
von unten beleuchtet. Zur Seite des Palastes
ragt ein Wachtthnrm in die dunkle Nacht
hinein, von den Sternen des Himmels be-
schienen; auf ihm steht einsam ein Wächter:
er stößt in sein Horn und ruft den Schläfern
zu: „Wachet, denn ihr wisset nicht den Tag
noch die Stunde!" Matth. 25, 13.

Dieses letzte Bild führt somit den: denken-
den Beschauer die sittliche Lehre über
den Tod und damit den Endzweck dieses
Todtentanzes vor Augen, wornach der Mensch
sich zum Tod durch beständige Wachsamkeit
bereit halten und den sittlichen Tod der
Seele, die Sünde, fort und fort fliehen soll,
um dem ewigen Tode zu entrinnen.

Wenn nun ein großer Stoff, eine geist-
reiche Komposition lind eine kunstgerechte
Ausführung in der Zeichnung und in der
Farbenstimmung ein Kunstwerk ansmachen,
so darf sich Mergentheim zu einem Kunst-
werk von bleibendem hohem Werth Glück
wünschen, das es dem in der Stadt bewähr-
ten Künstler dankt. Denn es ist nicht das erste
Kunstwerk, das er dort ausgestellt und durch
das er seine umfassende Begabung und unver-
wüstliche Arbeitskraft an den Tag gelegt hat,
die in ihm mit einer gegenwärtig so seltenen
Künstlertugend, der Bescheidenheit, gepaart
sind. Hat er doch auch die so gelungene
Restauration der Hospitalkapelle im Sommer
1884 geleitet und die Kapelle mit Malereien
und Skulpturen geschmückt. Von seiner Hand
stammen ferner das schöne Tympanon an:
Portal der Johanneskirche, und in ihr der
marmorene Taufstein und das Kruzifix mit
der Mater Dolorosa, sowie die Statue des
hl. Joseph. In der Marienkirche sind aus
seiner Hand die anmuthigen Reliefs in dem
Ambo hervorgegangen, und das Grabmonn-
ment der Freifrau von Berlichingen ist von
ihn: modellirt. Die Madonna am Borberger
Thor hat er gemeißelt, wie nicht minder das
Relief in savaum£re über dem Portal von
St. Michael. Letzteres enthält die Auf-
forderung zur frommen Fürbitte in Form
eines Votivbildes, das nach altem Brauch
mit den Patronen der Donatoren St. Kon-
rad und St. Katharina geschmückt ist, die
vor dem Thron der Himmelskönigin für die
armen Seelen darunter beten. Endlich sei
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