Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

Seite: 64
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noch auf die Bildwerke in der Kuppel
von St. Mich ael hingewiesen, da auch sie
Tobias Weiß geschaffen hat. Sie vervoll-
ständigen die Gedanken des Todtentanzes.
Drei derselben stellen die echte christliche
Todtenklage vor Augen. Zunächst er-
blickt der Besucher, der, wie die Frauen im
Evangelium, gekommen ist, „das Grab zu
besehen", gegenüber dein Eingang an der
Stirnwand in einem großen Bilde den Leich-
nam Jesu, der eben vom Kreuze abgenommen
ist und um deu die treuen Jünger und
Freunde — es sind wenige von Zahl, die im
Tode treu bleiben — beschäftigt sind, ihn zum
Grabe ;u bereiten. In ihrer Mitte ist
Maria, die Mutter— das Vorbild der
Ergebung in Gottes Willen und der Selbst-
beherrschung auch im tiefsten, namenlosen
Leid, aber auch die Mutter der Schmerzen
als Trösterin der Betrübten am Grabe schon
des „Erstlings unter den Entschlafenen".
Wer mit frischen Wunden dein Bilde betend
gegenüber sitzt, wird an sich inne werden,
was der Heiland sagt: „Selig sind die
Trauernden, sie werden getröstet werden!"
Die beiden dieses Mittelbild ergänzenden
Gemälde der „Todtenklage" stellen das
Ost er e v a n g e liu m dar im Anschluß an
die Gemälde von Fiesole itnb Raphael. Auf
dem einen sitzt der Engel auf dem offenen
Sarkophag und spricht zu den staunenden
Frauen: „Was suchet ihr den Lebenden
unter den Todten? er ist nicht hier; er ist
auferstanden!" Luk. 24, 5. Was kann man
Beruhigenderes Trauernden sagen? Das
andere Bild behandelt das Evangelium des
Ostermontags: der Meister ist unerkannt mit
den Jüngern ihren Weg dahingepilgert, hat
ihnen ihre Trauer verwiesen und sie getröstet.
Nun will er scheiden. Da drängen sie in
ihn und sprechen: „Herr, bleibe bei uns, denn
es will Abend werden und der Tag hat sich
geneigt!" Lnk. 24, 29. Wie viele, die den
Gottesacker heimsuchen, haben Ursache, ebenso
zu beteu? ! Wie viel Trost können daher diese
drei Bilder in der Kuppel von St. Michael
spenden? Die drei weiteren Bilder vollenden
die Ideen einer Friedhofskapelle; sie stellen d i e
letzten Dinge dar: den Reinigungsort, die
Auferstehung der Todten und das Weltgericht.

Was der neu erstandenen Kapelle aus dem
Gottesacker in Mergentheim ihren beson-
deren Zauber verleiht, ist die Einheit,
die durch Alles hindurchgeht: vom Beschläg
der Thüre bis zur Thurmspitze, vonr Leuchter
und Kruzifix des Altars bis zur Verbleiung
der Fenster. Die Marmorbekleidungen an
Wänden und Pfeilern, die historischen Bild-
werke und Dekorationsmalereien bringen mit

dem Altarbau und der Architektur der Kapelle
eine so harmonische Gesammtwirkung hervor,
daß ein Fremder, der die Kapelle besichtigt
hatte, seinen Eindruck in deu Worten aus-
sprach : „St. Michael ist für sich allein
eine Reise nach M e r g e n t h ei in w er t h."

Bei den vielen leichten Mitteln der Ver-
vielfältigung, über welche unsere Zeit verfügt,
findet sich hoffentlich bald ein kunstsinniger
Verleger, der den biblischen Todtentanz
einem weiteren Kreise nicht nur der Kunst-
freunde, sondern des christlichen Volkes zu-
gänglich macht.

Entwurf eines frühgothischen Hochaltars.

Wir freuen uns, den Lesern in der Beilage
einen Altarentwnrf vorlegen zu können, wel-
cher sich vor den stereotyp gewordenen gothi-
schen Altarformen durch die Neuheit der Idee
wohlthuend auszeichnet itnb in Beziehung auf
die Konstruktion musterhaft genannt zu wer-
den verdient. Er stamint von Hrn. Architekt
Cades bisher beim erzbischöflichen Bauamt
in Freiburg und wird für die Kirche in Dot-
ternhausen ausgeführt werden, die von dem-
selben Meister in frühgothischem Stil gebaut
wird und ihrer Vollendung nahe ist.

Das Hauptmotiv ist, wie man sieht, der
alten Form der Reliquienschreine entnommen.
Das kundige Auge wird erkennen, in welch
geistvoller und glücklicher Weise das Motiv
verwerlhet ist.' Der strenge Aufbau, der eben
durch die Klarheit und Konsequenz seiner
Durchführung in hohem Grade ästhetisch
wirkt, duldet keine leeren Ausfüllglieder und
bedarf keiner leeren Einschiebsel imb keiner
Verlegenheitsformen; er ist mit all seinen
Theilen imb seinem Gesammteindruck, so recht
aus dem Geist und der Formenwelt der
Gothik herausgewachsen; den kirchlichen An-
forderungen an Hochaltar und Tabernakel
ist vortrefflich genügt. Kein Zweifel, daß
der Altar bei sorgfältiger Ausführung ein
wahrer Schmuck der Kirche werden wird.

Der dekorativen Behandlung ist ein ziem-
lich freier Spielraum gelassen, der je nach
beit vorhandenen Mitteln reichlicher oder
sparsamer ausgenützt werden kann. Wird
das Eichenholz zum Theil geschlissen und
polirt, die Ornamentation zart und verstän-
dig in Farben gehalten, der statuarische
Schmuck richtig gesetzt, der Tabernakelmittel-
bau nicht plump übergoldet, aber durch Far-
ben und Gold gut hervorgehoben, die Ziegel
auf den drei Dachflächen aus vergoldetem
Messing erstellt, so läßt dadurch die Gesammt-
wirkung des Baues sich bedeutend erhöhe». —

Mit einer artistischen Beilage.

Stuttgart, Luchdruckerci dcr Akt.-Gcs. „Deutsches Volksblatt".
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