Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

Seite: 67
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vielmehr Vieleck-) und Centralbauten ge-
hören zu den seltenster! Ausnahmen, für-
kleine Grab- oder
Votivkapellen wer-
den sie indeß hie und
da und dann ge-
wöhnlich in höchst
reicher Ausführung
errichtet.

Die sog. Renais-
sance, über die spä-
ter im Zusammen-
hang gehandelt wird,
hielt sich im Allge-
meinen an die ein-
facheren Grundriß-
anlagen und mußte
es thun, schon weil
sie auf frühere Eut-
wickelungsstufenmit
ihren schwerfälligen
Gewölben und mas-
sigen Pfeilern zu-
rückgrifs. Dem Kup-
pelbau räumte sie
wieder eine hervorragende Stelle ein und
rückte damit auch die Centralanlagen wieder
etwas mehr in den Vordergrund.

Das Perständniß der Einzelheiten
der Grundrisse folgt von selbst aus der
nähern Betrachtung des Aufrisses d. h. des
aufrechtstehenden Baues, besonders aber
der Gewölbe. (Fortsetzung folgt.)

Studien über Plastik.

Von Pfarrer Festing in Pullach.

Italien. 11.—13. Jahrhundert.

(Schluß.)

Auch in Toskana hatte der Aufschwung
der Architektur eine höhere Entwicklung der
Plastik in der Ausbildung einer eigenen
Schule zur Folge. An Kraft der Empfin-
dung und Verständuiß der Form bleibt
letztere womöglich noch hinter der ober-
italischen zurück. Das Taufbecken in St.
Frediauo zu Lucia, laut Inschrift von
Robertus — vielleicht gegen die Mitte des
12. Jahrhunderts — gemeißelt, stelltScenen
aus dem Alten Testamente und einzelne
Heilige, in roher Nachahmung der Antike,
dar. Unbeholfen und plump sind auch die
Reliefdarstellungen ans deru Leben des hl.
Nikolaus am Portal S. Salvatore's da-

selbst von Bidninus, welcher auch die fast
ebenso unvollkommenen Steinbilder — Ein-
zug Jesu in Jerusalem und Auferweckung
des Lazarus — von 1180 — in S. Cas-
ciano bei Pisa schuf. Dasselbe ist von
deru Abendmahl des Meisters Gruamons
am Thürsturz von St. Giovanni und dessen
hl. Dreikönigen am Portal von St. Arrdrea
zu Pistoja zu sagen. — Von den sonst
gleichwertigen Reliefs der Kanzel in St.
Leonardo zu Florenz zeigt die Scene der
Kreuzabnahme einen höheren Aufschwung
zu verständnißvoller malerischer Anordnung
und lebensvollerer Bewegung.

In Pisa gelangt die Plastik ebenfalls
im 12. Jahrhundert zu reicherer Entfaltung.
Der Dom, 1063 begonnen und 1118 ein-
geweiht, zeigt noch bloß dekorativen Schmuck.
Das Baptisterium, nach 1150 gebaut, ist
am Ostportal mit Bildwerk, der Taufe
Christi und den 12 Monaten-, an den
Portalpfeilern mit kleinen, je zwei Apostel
einschließenden Rahmen und biblischen Sce-
nen geschmückt; Arbeiten, welche im schon
bedeutend entwickelten romanischen Stile irr
Bewegung und Drapirung der Figuren die
Feinheiten der Antike mit Glück nachzu-
ahmen streben. Diese Schulung an der
Arrtike erkennen wir vor andern deutlich
au den 4 Reliefbildern (Verkündigung,
Geburt Christi, die hl. drei Könige) im
nördlichen Querschisf der Kathedrale zu
Sierra. Zunächst fällt freilich die un-
verhältnißmäßige Kleinheit der Gestalten
und Größe der Köpfe auf, in welcher man
ein absichtliches Betonen des christlichen
Princips, der Herrschaft des Geistigen ver-
muthen sollte. Im klebrigen läßt aber
jeder Zug, die Haltung und Bewegung
der Figuren, vor allen die Gewandung
selbst und ihr Faltenwurf, sowie die Bildung
der Haare eine ziemlich genaue Kopirung
der Antike erkennen. Wir sehen hier wieder
eine naive Verschmelzung des christlich
Symbolischen mit der antiken Form, welche
der Künstler als beste vorhandene zu Hilfe
nimmt, um den tiefsiunigeu Gedankeninhalt
zum Ausdruck zu bringen. Dasselbe be-
zeugen auch die Marmorbilder an der
Kanzel der Kathedrale zu Volterra. Ein
Stier, zwei Löwen und eine andere ima-
ginäre Figur tragen die 4 Säulen, auf
denen sie steht. Die Brüstung zeigt im
ersten Bilde das Opfer Isaaks, im zweiten
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