Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

Seite: 68
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die Verkündigung, beide mit schwebendem
Engel, dann Christus mit seinen Jüngern
beim Abendmahl, zu des erstern Füßen
ein Weib, von Schlange und Tiger verfolgt.

In Unteritalien entstanden überhaupt
plastische Werke erst seit Mitte des zwölften
Jahrhunderts. Sie zeigen durchgängig mehr
oder weniger die conventionelle byzantinische
Steifheit und Ausdrnckslosigkeit, bis im
13. Jahrhundert die Steinbilder an der
Fa^ade von St. Giovanni in Venere eine
freiere und lebensvollere Gestaltung ge-
winnen. Dafür bildet sich aber gerade in
Unteritalien frühzeitig die Technik des E r z-
gusses verhältnißmäßig viel reicher aus
als anderswo. Dieselbe steht bis ülls
12. Jahrhundert nicht nur unter byzanti-
nischem Einfluß, sondern es wurden die
Gußwerke selbst noch bis gegen Ende des
11. Jahrhunderts direkt aus Byzanz be-
zogen. Sie sind daher bis in jene spätere
Zeit in der acht byzantinischen Manier
des Niello, indem man die Figuren dem
Erz eingravirte und die Kontouren durch
Silberplättcheu und Silberdraht füllte, aus-
geführt. Zu den ältesten gehört das erzene
Hauptportal von St. Zeno in Verona,
welches aber aus getriebenen, nicht ge-
gossenen Reliefplatten zusammengesetzt ist,
von denen besonders jene des linken Flügels
noch ungemein plump ausgefallen sind.
Manche umfassende Werke, besonders in
Unteritalien und Venedig, beweisen uns
noch heute die ausgedehnte Herrschaft der
byzantinischen Technik, so die ehernen Thüren
von Amalfi, Monte Casino und Salerno
(1067); dann jene von St. Paolo bei
Rom, die 1070 zu Konstantinopel gegossen
wurden (sind 1823 durch einen Brand zum
Theil zerstört); ferner die westlichen Portal-
flügel von St. Marco in Venedig: bei all
diesen wechselt die konventionelle formlose
Starrheit des Stiles mit etwas mehr natür-
licher Lebendigkeit ab.

Merkwürdig sind 2 Reliefplatten aus
der Kirche zu Aquileja als Beispiele mittel-
alterlicher Symbolik, die Evangelisten Lukas
und Johannes darstellend. Dieser mit dem
Adler-, jener dem Stierkopf mit Heiligen-
schein und ausgebreiteten Flügeln zeigt mit
der einen Hand vor sich, während die andere
eine Schriftrolle und zugleich das falten-
reiche, antik-orientalische Gewand zusammen-
hält.

Mit dem 12. Jahrhundert beginnt der
allmälige Umschwung zu einer freiem,
plastisch durchgebildeten Technik. Bei den
Thüren der Kathedrale von Troja aus
den Jahren 1119 und 1127 von der Hand
eines OderisiusBerardi aus Beneveut herrscht
noch die Niello-Technik neben jener der
Reliefmanier. Zu den frühesten gehört sicher
die Thüre des südlichen Querschifss des
Domes von Pisa. Im einfach kräftigen,
schönen Rahmen zeigt sie verschiedene, schon
zum Teil mit malerischem Geschmack grup-
pirte fignrenreiche Reliefbilder aus der Ge-
schichte des Heilandes, ■— zwar noch im
alten strengen Stil, aber nicht ohne leben-
dige ausdrucksvolle Züge. — Prachtvoll
ist die Erzthüre der Abteikirche in Bene-
v e n t, ausgeführt von Oderisius im Jahre
1160. Sie enthält auf jedem Flügel 9
Reihen mit je 4, also an die 70 Relief-
platten; 43 von diesen technisch und stili-
stisch schönen Bildern erzählen das ganze
Evangelium in seinen Hauptzügen, während
die übrigen unteren den Erzbischof sammt den
Snfsraganbischöfen von Beneveut darstellen.
In diesen klar angeordneten und lebensvoll
bewegten Gruppen und Einzelfiguren sehen
wir den Rest der bisher herrschenden byzan-
tinischen Manier durch den neuen roma-
nischen Stil mit seinen gedrungenen kräf-
tigen Gestalten verdrängt. (Abbildung siehe
»Revue de l’art ehret.« Janvier 1883.

p. 12.)

Die vollendetsten Gnßwerke jener Zeit
sind einmal das Portal des Domes von
Ravello bei Amalfi (1179), dann das
nördliche der Kirche zu Moureale. Der
Meister Barisanus aus Trani, der sich
auch dort durch eine Erzthüre verewigte,
hat durch sie den romanischen Stil in
Italien zu hoher Vollendung geführt. Jene
enthält in reich und zierlich dekorirten Rah-
men zwischen den nicht minder reichen Bän-
dern 27 Reliefbilder auf jedem Flügel mit
einzelnen Figuren und gewandt verknüpften
Scenen, wobei aber der Künstler eigen-
thümlicher Weise Bilder des einen Flügels
auf dem andern genau wiederholt. Das
Portal von Moureale wiederholt zum Theil
die Darstellungen jenes von Ravello. —
Das Erzthor des westlichen Portals der
Kirche zu Moureale, nach der Inschrift
1186 -von Bonanus, Architekt in Pisa,
gegossen, hat zwar auch eine schöne monu-
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