Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

Seite: 73
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wie gesagt auch die gewichtigsten Autoren:
d'Agincourt, Martigny, Grimouard de Lck.
Laurent, Rohault de Fleury, Garucci, de
Rosst, Kraus, Lehner u. a. sahen darin die
Verkündigung Mariä, während der protestan-
tische Autor V. Schnitze nur eine einfache
Familienszene, Darin aber — gewiß seltsam!
— darin Snsanna und Christus erblicken
will. Auch Hach schließt sich den Gründen
Schultze's (Arch. Sind. S. 184) an, die er
in drei Punkten zusammenfaßt:4) der erste
ist „die Thatsache, daß die altchristliche Kunst
erst in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhun-
derts diese Szene aufnimmt, während dieses
Gemälde spätestens der Mitte des 3. Jahr-
hunderts angehört". Allein diese „Thatsache"
soll sa gerade bewiesen werden; also liegt hier
eine petitio prindpii vor, wie Kraus mit
Recht bemerkt. „Die ältere Kunst", heißt der
2. Grund, „stellt bis zum Ende des 4. Jahr-
hunderts Maria nie ohne den Jesusknaben
dar." Allein andere Gelehrte halten das
nicht für so ausgemacht, als hier vorgebracht
wird.5) Wir haben Goldgläser, die den un-
umstößlichen Beweis geben, daß gerade auch
in der ältesten Periode Maria ohne das
Kind dargestellt wurde. Garucci6) publizirt
einige Goldgläser mit den: Bilde der hl. Jung-
srau — ohne das Jesuskind — in der Ge-
stalt der Orante, wo der Name Maria die
Identität mehr als zur Genüge feststellt.
Einmal erscheint die hl. Jungfrau an der
Seite der hl. Anna, einmal mit der hl. Agnes
und ein anderes Goldglas zeigt uns die hl.
Jungfrau als Orante zwischen Petrus und
Paulus, jedesmal mit der Inschrift „Maria".
Noch interessanter ist die Darstellung auf
einem Relief von einem Grabe der Krypta
der hl. Magdalena in S. Mapimiu in der
Provence, wo die hl. Jungfrau ebenfalls als
Orante mit erhobenen Händen betend darge-
stellt ist. lieber ihrem Haupte steht die In-
schrift: MARIA VIRGO // MINISTER DE
II tempvlo GEROSALE.7) Abgesehen aber
auch hievon, kann doch bei dem Bilde von
St. Priscilla das Fehlen des Christuskiudes
kein Beweis dafür sein, daß wir es hier nicht
mit einem Verkündigungsbilde zu thuu haben;
dieses Fehlen ergibt sich hier ja doch von
selbst. Am schwächsten ist noch schließlich der
dritte Grund, „daß die Darstellung der

4) Vgl. Zeitschrift für kirchl. Wissenschaft u. s. w.
?. 427.

5) Z B. I. Lehner, Marienverehrung in den
ersten Jahrhunderten. Stuttg. 1881. p. 328.

6) Vgl. Kraus, R.-E. Art. „Marienbilder"

p. 361.

7) Abbildungen hievon auch bei Lehner Taf.
VIII. 77—81. 83.

Anuuuciatiou, wo sie zuerst in der altchrist-
lichen Kunst auftritt, sich an eine apokryphische
Ouelle anlehnt". Ohnerachtet der schon ge-
machten Bemerkung, daß ja nicht ausgemacht
ist, wo und wann zuerst diese Darstellung
auftritt, ist nicht eiuzusehen, warum, wenn ein
Künstler des 5. Jahrhunderts sich in der Dar-
stellung der Verkündigung au die Apokryphen
gehalten, dies auch ein solcher im 3. Jahr-
hundert gethan haben müsse; es kann sich ja
letzterer ebenso gut an den Wortlaut der hl.
Schrift gehalten haben. Und das ist auch
bei dem Bilde von St. Priscilla wirklich der
Fall. Wir sehen gleichsam die hl. Jungfrau
— ihre Handbeweguug sagt es deutlich —
die Worte aussprechen: „Wie kann das ge-
schehen, da ich keinen Mann erkenne?" und
sehen auch die Antwort des Engels: „Die
Kraft des Allerhöchsten wird dich überschatten"
deutlich in der rechten Hand mit dem vorge-
streckten Zeigefinger nach der Sitzenden aus-
gedrückt. So lange keine bessern Gründe
vorgebracht werden können, darf man hier
unbedingt ein Verkündigungsbild anuehmen,
denn schon der erste Anblick des Originals
selbst in den Katakomben führt uns darauf.
Es ist in diesem ersten Verkündigungsbilde
die Thatsache nur allein als Mysterium be-
handelt, mit Beiseitelassung aller untergeord-
neten Dinge; wir sehen nur die zwei Per-
sonen Maria und den Engel und der Voll-
zug des heiligsten Geheimnisses ist nur in
dem Redegestus der Hände augedeutet.

Die nun folgenden altchriftlicheu Darstel-
lungen der Verkündigung betonen mehr das
historische Moment und dessen Zufälligkeiten;
da sich bei der Kürze des evangelischen Berichtes
nicht viele Umständlichkeiten herbeiziehen ließen,
griffen die Künstler nach den ap 0 kryphi-
schen Nachrichten und zwar nach denen des
P r 0 t 0 e v a n g e l i u m Jakobi. Hier wird
erzählt, daß Maria von deni Priester im Tempel
die Purpurwolle zum Spinnen erhalten und
mit derselben nach Hause gegangen sei. „Eines
Tages", wird dann weiter erzählt, „gieng sie
mit einem Kruge hinaus, um Wasser zu
schöpfen. Da erscholl eine Stimme: Sei ge-
grüßt, Gnadeuvolle, der Herr ist mit Dir,
Du bist gebenedeiet unter den Weibern. Sie
schaute zur Rechten und Linken, woher diese
Stimme käme. Erschrocken gieng sie in ihr
Haus, setzte den Wasserkrug nieder, nahm den
Purpur, setzte sich auf den Stuhl und spann.
Und siehe der Engel des Herrn stand bei ihr
und sprach: Fürchte Dich nicht, Maria, denn
Du hast Gnade vor Gott gefunden u. s. w?)
Die älteste derartige Darstellung (nach V.

b) Tappehorn, Außerbibl. Nachrichten oder
die Apokryphen. Paderborn 1885. p. 26.
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