Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

Seite: 76
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Die Stadt Neresheim hat begonnen, ihr
Lager aufzuschließen, und bietet das Roh-
material zum Verkauf an; die Preise für den
Kubikmeter roh gehauenen Marmors bewegen
sich zwischen 70 und 90 M.; die Wagen-
ladung Steine kostet von Neresheim nach
der nächsten Bahnstation 9—10 M. Es
wäre sehr zu wünschen, daß auch in Neres-
heim, — wie in Schloßberg unseren Erkundi-
gungen nach schon vorgesehen ist, — in
Bälde, wenn auch für den Anfang im Kleinen,
eine Säge in Betrieb gesetzt würde, so daß
wenigstens Platten und Plättchen geliefert
werden könnten.

Es ist nun wohl die Zeit gekommen, wo
wir auch bei uns einer reicheren Verwendung
von Marmor warm das Wort reden dürfen
und wo unsere heimische Kunst durch Ver-
wendung dieses Edelmaterials in ihre Ge-
bilde solide Pracht und erwünschte Abwechs-
lung bringen kann. Wir wollen namentlich
darauf aufmerksam machen, in welch dankbarer
Weise Marmor mit Eichenholz und andern
Steinen bei Altarbanten kombinirt werden
kann. Wo die Mittel reichen, die Altar-
platten aus Marmor zu erstellen, ist dies
unbedingt zu empfehlen; für Portatilia ist
Marmor ohnedies das beste Material; hat
der Altar die hohle Mensaform, so können
die Säulenschäfte aus Marmor genommen,
aus einen Sockel von rothem Sandstein ge-
stellt und mit einem Kapitell aus demselben
Stein gekrönt werden; selbst in hölzerne
Altartische können marmorne Säulen ein-
fügt werden. Ferner empfiehlt sich der
Marmor ganz besonders für die Leuchter-
stüfen schon im Interesse der Reinlichhaltung
derselben; natürlich wird er auch hier nicht
in Blöcken ans den Altar gesetzt, sondern in
Plättchen in Holzrahmen eingelassen; ein ver-
goldeter oder schwarz ebenirter Rundstab
leitet dann von: Holz zum Stein über. Die
Marmorplatten könnten noch so eingerichtet
werden, daß man sie zum Zweck der Säube-
rung aus dem Falz leicht herausnehmen und
wieder einschieben könnte. Gewiß sehr zur
Zierde würde sodann dem Altar gereichen
eine marmorne Predella, und wo die Form
des Altars darnach ist, eine marmorne Re-
table, gleichfalls hergestellt mit in Holzrahmen
eingelassenen Marmortafeln; diese könnten
durch den Stichel eine schöne, mit Farben
oder Gold auszuziehende Ornamentation er-
halten. Aber auch die Verkleidung der
Mauerwände zu den Seiten des Altars und
der untern Theile der Chorwände könnte
der Marmor übernehmen, sei es, daß man
Plättchen oder große Platten dazu verwende.
Durch Beiziehung verschiedenfarbigen Mate-

rials in guter Abwechslung könnte ein schö-
ner Effekt erzielt werden.

Weiterhin können für die Verwerthung
von Marmor noch in Betracht kommen: das
Suppedaneum, die Altarstufen, die Kom-
munionbank. der Taufstein, das Weihwasser-
becken, der Kanzelfuß, der Sockel zum Oster-
leuchter u. s. w.

Es wird sich wohl später noch Gelegen-
heit geben, sowohl über die Bezugsbedingun-
gen unseres einheimischen Marmors den Le-
sern Näheres mitzutheilen, als die Frage
nach der besten Verwendung desselben zum
Schmucke der Kirchen eingehend zu erörtern.
Vorderhand genüge es, das Interesse für
dieses Edelgestein geweckt zu haben. —

Literatur.

Uber Kirchen und Kir ch enb au in

Salzburg. Drei Vorträge gehalten

von Adolf R. von Steinhäuser.

2. Ausl. Salzburg, Dieter 1885. 160 S.
Preis 2 M.

Für eine Herbstreise, auf welcher das Ver-
langen nach landschaftlicher Schönheit mit dem
nach Kunstgenüssen befriedigt werden könnte, ist
ein Ausflug nach Salzburg und Umgebung sehr
anzurathen. Salzburg selbst ist mit seinen 33
Kirchen die (relativ) kirchenreichste Stadt Deutsch-
lands und die Landschaft Salzburg (Flachgau,
Pongau, Pinzgau, Lungau) hat 282 Kirchen,
darunter 8 romanische, 119 ganz gothische, 37
mit gothischen Baubestaudtheileu, dazu noch die
ins 5. Jahrhundert in die Zeit des altrömischen
Juvavum zurückreicheuden Grottenkirchen in der
Mönchbergwand bei St. Peter, die St. Rupert-,
Ägid- und Maximus-Kapelle oberhalb des St.
Peter-Friedhofs, die mit den römischen Kata-
komben verwandt sind. Für eine Studienreise in
diese interessante Gegend können wir das vor-
liegende Schriftchen nicht genug empfehlen. Es
ist mit aller Sachkeuutuiß geschrieben, in einer
Form, welche nicht bloß von der Klarheit der
Auffassungen und Anschauungen des Verfassers
zeugt, sondern auch von seiner warmen Kunst-
begeisterung. In liebenswürdigster, unaufdring-
licher Weise schaltet derselbe einen kurzen Unter-
richt über die Stile, Phasen und Perioden kirch-
licher Baukunst ein, um auf die Besichtigung der
Kirchen vorzubereiten und an den Kirchen selbst
seine Sätze zu demonstriren; auch über Renais-
sance, Rococo und Zopf, Worte und Dinge, an
welche ganze Sandbänke von Mißverständnissen,
Vorurtheilen und Jrrtümern sich angesetzt haben,
werden vortreffliche orientirende Bemerkungen ge-
geben. Das Büchlein lvill nicht eigentlich als
Kirchenführer auftreten, ist vielmehr aus Vor-
trägen entstanden; aber ein Register ermöglicht
den unmittelbaren Gebrauch beim Reisen. —

Stuttgart, Buchdruckcrei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksbtatt".
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