Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

Seite: 79
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Dies ist so sehr die Hauptsacke, daß auch
eine noch so reiche Fülle äußerlicher Orna-
mentik es nicht zu ersetzen, nicht einmal
seinen Mangel zu verdecken vermag, und
daß, wo dieses in Ordnung ist, man sich
mit einem Minimum von Dekoration be-
gnügen und doch noch wahre Kunstwirkung
erzielen kann. Die Verhältnisse des vor
uns liegenden Bauplanes sind aufs sorg-
fältigste zu einander gestimmt. Die Wahl
der Dimensionen, der Höhe, Breite, Länge,
der Größe des Chors gegenüber dem Lang-
haus beruht auf genauen Messungen, die
an alten Bauten, namentlich im Elsaß,
angestellt wurden. Der Detailbildung der
architektonischen Glieder ist die größte Sorg-
falt zugewendet. Was daher der Plan an
Dekoration entbehrt, bringt er mehr als
herein durch die Macht der konstruktiven
Elemente, durch die Richtigkeit der Ver-
hältnisse, durch die streng stilistische Durch-
bildung und durch die solide Einfachheit,
welche den Eindruck des Ernstes und der
Würde hervorrnft.

Es muß jeden Freund wahrer Kunst
in der Seele freuen, einem Werk von diesem
Charakter zu begegnen in einer Zeit, wo
die Oberflächlichkeit und die Gedanken-
schwäche auch in die Kunst und auch in
die ernsteste aller Künste, die Architektur,
eingedrnngen ist und angefangen hat, den
Hanptgrundsatz aller Kunst zu nnterschwem-
men, den Grundsatz, daß das Erste und
Wichtigste die Konstruktion ist und die
Dekoration erst das Zweite und daß alle
Dekoration eitel und windig ist, welche
nicht in der Konstruktion wurzelt und aus
ihr organisch herauswächst. Das flatter-
hafte Haschen nach Dekoration und nach
äußerem Effekt trägt die Schuld daran,
daß soviele Fehler gegen die Harmonie der
Verhältnisse, gegen alle gesunde Konstruk-
tionslehre Vorkommen, soviele verzierte
Sinnlosigkeiten, soviel gedankenloses An-
einanderkleben der Glieder, daß anstatt
organischer Bauten verkümmerte und ver-
wachsene Mißbildungen entstehen, denen
nun doch auch ein noch so reiches Kleid
von Ornamenten nicht gut passen, nicht
einmal zur mitleidig bergenden Hülle dienen
kann. Manchmal wird ja gar dem Moloch
der Ornamentik selbst das Bedürfniß an
Raum, selbst die nöthige Größe des Baues
geopfert und arme Gemeinden erhalten statt

einer Kirche, welche für ein Jahrhundert
genügen könnte, das Danaergeschenk eines
Flitterwerks von Zierathen und einer
enormen Rechnung. Hier thnt eine Rück-
kehr ;u vernünftigen Prinzipien dringend
noth und wir müssen wieder lernen, groß,
solid, stilgemäß und doch nicht zu thener
zu bauen.

Nicht zu thener. Beim vorliegenden
Bau wird man auch die Geldfrage, die
bekanntlich eine Feindin der Gemüthlichkeit
sein soll, über Erwarten gemüthlich gelöst
finden. Der Voranschlag, welcher nicht
wird überschritten werden, lautet:

Grab - Arbeit . . .

M. Pf.
752. 92.

Maurer- „ ...

45 394. 41.

Gipser- „ ...

2 618. 22.

Steinhauer-Arbeit. .

14 497. 06.

Zimmer- „ . .

5 705. 98.

Schreiner- „ . .

4 575. 53.

Glaser- „ . .

1 644. 94.

Schlosser- „ . .

1511. 92.

Schmied- „ . .

630. —.

Flaschner- „ . .

1 606. 33.

Schieferdecker- „ . .

646. 20.

Anstrich- „ . .

5 003. 07.

Jnbau.

7 650. —.

Skizzen, Pläne, Ober-
leitung ....

4 000. —.

Banführung . . .

3 600. —.

Unvorhergesehenes. .

4 863. 39.

Summa rund:

105 000 Mk.

Das Werk spricht selbst für den Meister
und beweist, daß er des Stiles mächtig
und wohl im Stande ist, ein so ernstes
Werk dnrchznführen, wie ein Kirchenbau
ist; möchte nur jede Neubanfrage so gut
gelöst werden, wie hier. Wir fügen noch
an, daß Herr Cades feine Stelle beim
erzbischöflichen Bauamt aufgegeben und in
Stuttgart sich niedergelassen hat. Noch
wird uns gemeldet, daß Herr Werkmeister
Batzill von Nenhausen als Bauführer
bei dem seiner Vollendung entgegensehenden
Kirchenban sich durchaus bewährt habe.

Mariä Verkündigung in der christ-
lichen Runst.

Bon Pfr. Detzcl in Eisenharz.
(Fortsetzung.)

Wie sich iu diesen altchristtichen Denk-
mälern eine doppelte Art der Darstellung
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