Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

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der Verkündigung zeigt, so finden wir auch
in den niittelalterlich en Verkündigungs-
bildern eine zweite Auffassung: entweder

wollen die Künstler einen Th eil des Er-
lösungswerkes, hier also in der Ver-
kündigung den Anfang desselben, darstellen
und dieser Darstellung also einen speziell
christologischen Charakter geben, oder sie fassen
die Verkündigung lediglich oder doch vorwie-
gend nur als ein Ereigniß im Leben
der hl. Jungfrau auf. Im ersteren
Falle geben sie dann eine einfache, alle Neben-
umstände fern lassende Darstellung, int zweiten
aber wird die Komposition entwickelter und
reicher; sie begnügen sich dann ebenfalls nicht
mit dem einfachen Bericht des hl. Lukas,
sondern ziehen die legendarischen Nachrichten
herein. Als Quelle für solche Darstellungen
des spätern byzantinischen Mittelalters hat
man das M a l er h a n d b u ch vom Berge
Athos") anzusehen. Wir finden hier eine
doppelte Angabe für die künstlerische Be-
handlung unseres Sujets. Die einfachere
verlangt: „Ein Haus und die Heiligste steht
vor einem Sessel und hält das Haupt ein
wenig geneigt, und in der einen Hand hält
sie Seide, welche auf eine Spindel aufge-
wickelt ist, und die Rechte hat sie ausgestreckt
gegen den Engel. Und der Fürst Gabriel
ist vor ihr; mit der Rechten segnet er sie
und mit der Linken hält er einen Speer.
Und über dem Hause ist der Himmel und aus
ihm steigt der hl. Geist in einem Strahle
auf das Haupt der Heiligsten hernieder." 15)
Eine weiter entwickelte Behandlung zerlegt
da, wo „von den viernndzwanzig Häusern der
Gottesgebärerin" die Rede ist 16J, die Ver-
kündigungserzählung in vier Scenen: 1) Maria
sitzt auf einem Stuhle und spinnt rothe
Seide; vom Himmel kommt ein Engel mit
einem blühenden Zweige in der Linken und
segnet sie. 2) Der Engel steht vor ihr und
spricht das „Ave Maria". Maria steht
staunend vor ihm und sagt in einem Spruch-
bande: wie kann das geschehen u. s. w.
3) Der Engel steht da mit Ehrfurcht und
zeigt nach oben; er sagt: „Der hl. Geist
wird über dich kommen u. s. w." 4) Maria

sitzt aus einem Throne und zwei Engel halten
einen großen Schleier und über ihr steigt der
hl. Geist hernieder in viel Glanz und in
vielen Wolken.

Für diese Viergestaltung des Malerhand-
buchs muß man, meint Hach"), das Me-

") Das Handbuch der Malerei vom Berg Athos.
Deutsche Ausgabe von Schäfer, Trier 1885.

15) a. a. O. p. 171.

16j a. a. O. tz 400. p. 288.

17) n. a. O. p. 441.

nolog htm des hl. Basilius ^) als Vor-
bild ansehen, das zwischen 977 und 984
abgefaßt ist. Dieses zerlegt nämlich gleich-
falls die Verkündigungserzählung in vier den
eben angeführten ganz analoge Abtheilungen.
Die erste bildet die einleitende Erzählung.
Gottvater habe, da das Erlösungswerk weder
den Teufeln noch den himmlischen Mächten
vorher bekannt werden sollte, das Geheimniß
einzig dem Erzengel Gabriel anvertraut, zu-
gleich aber schon vorgesorgt gehabt, daß Maria
heilig und rein und würdig geboren worden
war. In der zweiten Gruppe kommt der
Engel in Nazareth zu Maria und redet sie
mit dem englischen Gruße an, worauf sie
fragt: „wie wird mir das geschehen?" Die
dritte Gruppe besteht in der Antwort des
Engels, daß der hl. Geist über sie kommen
werde. Endlich die vierte Gruppe wird ge-
bildet durch das »Ecce ancilla« der hl. Jung-
frau und die gleichzeitig mit demselben ein-
tretende Empfängniß des Sohnes Gottes.

Diese, wie wir sie nennen wollen, mehr
historische Auffassung mit der Scene des
Spinnens, wie wir sie meist in der altchrist-
lichen Kunst gefunden und wie sie noch —
wohl in Anlehnung an die Denkmäler dieser
Zeit — vom Malerhandbuche vom Berge
Athos vorgeschrieben wird, treffen wir wäh-
rend der ganzen romanischen Periode bis
zum Beginit der Gothik. Maria ist dann
gewöhnlich so dargestellt, wie sie sich eben
von ihrer Arbeit, dem Spinnen, erhoben hat
und aufrecht vor dem Verkündigungsengel
steht, um seine Botschaft entgegettzunehmen,
so z. B. auf einem Relief an dem marmor-
nen Tausbrunnen in der Taufkapelle 8. Gio-
vanni in fonte im Dome zu Verona, die
schon im 8. Jahrhundert erwähnt, 1122 er-
nent wurde. Maria hat sich eben vom

Spinnen erhoben und zeigt sich erschrocken;
rechts und links steht je eine Dienerin;
der Engel ist mehr schwebend als stehend
gebildet.

Neben dieser Art der Darstellung, welche
sich mehr an die Apokryphen hält, begegnen
uns aber auch in der romanischen Zeit viel-
leicht ebenso viele Beispiele, welche nur
den einfachen Bericht des hl. Lukas zur
Unterlage haben, so daß die hl. Jungfrau
und der Engel die ganze Scene aus-
machen. Erstere ist dann meistens stehend,
doch mitunter auch sitzend, dargestellt. Ein
vorzügliches Beispiel dieser Art gibt der
Codex Egb erti'0), der dem letzten Viertel

18) Basilii Menologium Graecorum. Urbini
1727, Tom. III. Maerz 25. Annuntiatio. S.
Deiparae.

19) Die Miniaturen des Codex Egberti in
der Stadtbibl. zu Trier. In Lichtdruck herausge-
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