Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

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Dichter Konrad von Würzburg läßt in der
„goldenen Schmiede" (S. 256 s.) Gott
Vater selbst als Jäger den eingebornen Sohn,
das Einhorn, in den Schooß der hl. Jung-
frau treiben. Schon aus dem 13. Jahr-
hundert gibt es eine Stickerei,21) die diesem
Texte des Dichters sehr genau entspricht.
Maria mit Nimbus ist sitzend dargestellt und
hält das Einhorn, das in ihren Schooß ge-
flüchtet ist; ein Engel steht vor ihr und bläst,
mit der Linken das Jagdhorn am Munde
haltend; in der Rechten hält er einen drei-
fachen Kreuzstab und die Leine, an welcher
drei Glinde (charitas, veritas, humilitas lind lie
bezeichnet) gebunden sind; in der Mitte ist
ein Brunnenbecken, worauf der hl. Geist in
der Gestalt der Taube in Strahlennimbus
steht. 22) Diese Allegorie scheint in: 16. Jahr-
hundert sehr allgemein und deren Sinn wohl
bekannt gewesen zu sein, sie ist besonders
ans den altfranzösischen und altdeutschen
Kupferstichen oft wiederholt, ain öftesten auf
Stickereien ans Frauenklöstern.

Mit der mystischen Darstellung der Ver-
kündigung werden auch gewisse Ein bl eine
verbunden, die eine bestimmte Bedeutung an
die Hand geben; so wird mitunter Maria
niit einer voil Edelsteinen und Blumen
strahlenden Krone auf dem Haiipte, aus einem
Throne sitzend unb die Botschaft des Engels
mit aller Majestät empfangend dargestellt,
oder sie sitzt in einem mit einer Rosenhecke
umgebenen Garten (der horius conclusus des
hohen Liedes!), oder der Engel trägt das
versiegelte Buch in seinen Händen oder einen
Oelzweig und hat einen solchen aiich aiif dein
Haupte, wie auf dem hochfeierlichen Bilde
von Simone Memmi (1284—1314), das
1333 für den Dom zu Siena gemalt, jetzt
in den Uffizien zu Florenz sich befindet.
Maria macht eine eigenthümlich schüchterne
Wendung, während der Engel auf beide
Kniee sich niedergelassen hat itnb oben die
Taube von Engelköpfchen umgeben erscheint.

Indem die hl. Schrift die ganze Er-
zählung von der Verkündigung als eine ein-

21) Die Abbildung bei Kraus, die christliche
Kunst in ihren frühesten Anfängen. Leipzig, 1872.

p. 216.

22) Vgl. herüber auch: Schneider, zur Ein-
hornlegende im Anz. des Germ. Mus. 1883.
Sp. 133 s. Katholik, 1880. Oktbr.-Heft
p. 412 f., wo ein im Schlosse Ansen stein bei
Matrei in Tirol aufgefundenes Einhornbild be-
schrieben wird. D engl er, Kirchenschmuck, neue
Folge, II. 12. Heft p. 14, wo eine höchst
eigenthümliche symbol. Darstellung des engl.
Grußes mit dem Einhorn beschreiben >vird, das
sich als Wandgemälde in der alten Schloßkirche zu
Navis im Wippthale an der Breunerbahn-Liuie
befindet.

fache Thatsache und als ein wirklich vorge-
kommenes Ereigniß gibt, konnte auch die
christliche Kunst mit diesem Mysterium die
historische Begebenheit verbinden und so beide
in einem Bilde zusammenfassend darstellen.
Es war dann der Phantasie des Künstlers,
abgesehen natürlich von der Würde und Er-
habenheit des Mysteriums, die er stets zu
beachten hat, lediglich nur durch die Worte
der hl. Schrift eine Schranke gesetzt und
durch jene Eigenthümlichkeit der Zeit, des
Ortes nnb der Umstände, welche bei der
Darstellung eines jeden geschichtlichen Ereig-
nisses maßgebend ist. Allerdings lag es bei
dieser Vermengung des Historischen und
Mysteriösen nur zu nahe, daß die Künstler
ersteres zu sehr premirten, daß sie die
Schranken nur zu oft überschritteu und große
Fehler gemacht wurden. Wiewohl die Hand-
lung an itnb für sich so einfach ist und nur
zwei Personen als handelnd anftreten, ist
es doch staunenswerth, welch mannigfaltige
Darstellungen dieses Thema, besonders in
der Zeit des spätem Mittelalters und der
Renaissance, erfahren hat. Kein Wunder,
daß es so viele verkehrte und des hohen Ge-
heimnisses unwürdige Darstellungen gibt.

Ein für alle Zeiten mustergiltiges Bild
dieses Mysteriums hat Fra Angelico da Fiesole
in dem Kloster St. Marco (3. Zelle) zu
Florenz gemalt. Maria mit gekreuzten
Armen nnb dem Buche kniet etwas gegen
den Engel geneigt auf einem kleinen Bet-
schemel; der Engel, ohne Stab und Lilie,
steht aufrecht vor ihr in langem, rothem
Gewände. Der Vorgang spielt in einem
Klostergange, und nur ein Heiliger sieht
betend im Hintergründe der Erscheinung zu.
Eine himmlische Zartheit liegt in diesen
Köpfen, die edelste Einfachheit in den Ge-
wändern, und der ganze Vorgang zeigt eine
so feierliche Ruhe nnb wahrhaft himmlische
Würde, daß man den Bericht des hl. Evange-
listen im Bilde hier wieder erkennt. Mit
weniger äußern Mitteln als hier geschehen,
kann das Geheimniß der Verkündigung nicht
mehr dargestellt werden. In dem gleichen
Kloster St. Marco, an der Wand des Kreuz-
ganges, ist von demselben Meister derselbe
Gegenstand noch einmal und ebenso einfach
gegeben worden, nur mit dem Unterschiede,
daß die hl. Jungfrau hier sitzt und der
Engel ebenfalls wie die hl. Jungfrau mit
gekreuzten Armen schwebend oder vielmehr
im Begriffe niederzuknieen gezeichnet ist. Der
Vorgang geschieht unter der Säulenhalle eines
Klosters; die Taube fehlt. Aus der Schule
des Meisters ist auch ein wunderschönes
Bildchen in der Gallerte zu Dresden
(Nr. 19); auch hier ist die hl. Jungfrau sitzend
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