Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

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bestimmten Formen nachahmen. Ein aus-
gesprochenes Beispiel letzterer Art ist die
(übrigens große Kunstfertigkeit verratende)
Monstranz von Joh. Müller ans dem Jahre
1470. — Gewissermaßen die Mitte zwischen
beiden Gegensätzen hält die schöne silberne
Monstranz aus dem Kirchenschatz in Gmünd.
(15. Jahrh.) Von architektonisch bestimm-
tem Gerippe, besitzt sie doch noch viel frei-
getriebenes Ornament, welches das Ganze
leicht und gefällig macht.

Noch zwei Stücke dieser Sammlung sind
gewissermaßen entgegengesetzte Pole. Hier
die edle Monstranz vom Jahre 1513 aus
vergoldetem Silber mit Emailwappen aus
dem Kloster zum hl. Kreuz in Donauwörth.
(Die Pypis wird überragt von zwei Etagen.
In der untern besindet sich die Mutter des
Herrn mit zwei Heiligen; in der obern ist,
kunstvoll gearbeitet, das Bild des Auferstan-
denen. Der Baldachin, welcher sich darüber
wölbt, endet in einer Schlußfiale, auf welcher
ein Vogel sitzt.) Welches Maßhalten, welch
ruhige Klarheit ist diesen: Meisterwerke eigen!
Dagegen dort welch überschwellende überguel-
lende Formen, welche Uebersülle von Leben und
Bewegung! Es ist die Jngolstädter sog. „Le-
panto-Monstranz" a. d. Jahre 1700. Durch
staunenswerthe Technik hervorragender als
durch guten Geschmack glänzt sie „im Saal voll
Pracht und Herrlichkeit" velut luna inter
minora sidera. Man denke sich die Pyris,
welche — Maria und St. Michael zu beiden
Seiten — auf einer Gruppe türkischer Beute-
stücke ruht; man denke sich dieselbe umwogt
von brandenden Wellen und auf diesen ein-
ander gegenüber, die feindlichen Hauptfahr-
zeuge: das türkische schon ziemlich zerschossen,
das des Don Juan d'Austria stolz demselben
von oben entgegenwogend und wie von Sie-
gesbewußtsein geschwellt; man denke diese
Schisse in's Einzelne aufs virtuoseste detail-
lirt, mit ihren Masten, Segeln, Wimpeln,
Kanonen; dazwischen, von den Wogen ge-
schaukelt wieder kleinere Bote mit ihrer Be-
mannung; die Spitzen der Raaen in eine
Wolkenschicht getaucht, aus welcher Engel
Flammen auf den Feind schleudern u. s. w.
und man wird dem Meister Johann Zeckel
zu Augsburg für seinen zwar sonderbaren,
aber meisterhaft durchgeführten Gedanken die
Bewunderung nicht versagen. Aehnliche
Kompositionen gibt es sonst nur noch in
Belgien an gewissen Kanzeln, aber ans Holz!

Wir haben unsere Runde beendet. „Welch'
reicher Himmel Stern bei Stern!" — die-
ses Wort des Dichters kommt uns, da wir
zurückblicken, in den Sinn. Aber auch das
andere paßt für uns: „Schließt, Augen
euch..." — zu viel Glanz blendet. Heften

wir sie zur Beruhigung noch auf ein Werk
der Kleinkunst! Diese herrliche gothische
Rauchmantel-Schließe aus dem 15. Jahr-
hundert; oder diese wundervolle achteckige
Büchse mit Email aus dem Jahre 1600;
oder diese unübertrefflichen Gebetbuch-Ein-
bände ■— eines nnt Silberrelief von Thelott;
— ein Blick noch, zum Abschied, auf die
anmuthige, aus Silber getriebene Statue
Maria mit dem Christkind aus dem 15. Jahr-
hundert (Nr. 1432) — und wir gehen. Aber
wohin? Vielleicht in die Abtheilung der
neuen „Erzeugnisse für Kultus"? — Dort
allerdings dürften unsere Augen von Glanz
und Pracht weniger zu leiden haben! Mar-
morirteö Gußeisen; eiserne mit weißer Oel-
farbe angestrichene Figuren, wie sie das Hüt-
tenwerk in Sonthofen ausgestellt, blenden
nicht. Aber wer wird nach dem vorausge-
gangenen leckeren Mahl solch ininderwerthige
Erzeugnisse noch verdauen können? Wer
wird z. B. diese Ungethüme von Rauchfäs-
sern ertragen, nachdem er eben noch im zar-
testen Spinngewebe altschwäbischer Filigran-
arbeit gefangen lag? Wer die aus rohen
Architekturstücken zusammengelötheten „Mon-
stranzen", nachdein gerade auf diesem Feld
der Geist der Alten ihn so mächtig angehaucht?
Wer die starren Blumenornamente, wer die
steifen Formen alte, welche heute aus unse-
ren Gießformen hervorgehen und roh, wie
sie hervorgegangeu, oft vergoldet werden —■
wenn er einmal die wundervolle Ciselir- und
Treibarbeit jener genossen und in sein Herz
geschlossen? Wer wird noch einen inodernen
Lederband verdaulich finden, der das An-
schauen nicht leiden will, viel weniger das
Anrühren — während die halbtausendjährige
unverletzte Dauer seines mittelalterlichen Kol-
legen vor Augen steht?

Daß wir uns ans's neue arm und schwach
Vorkommen angesichts der unerschöpflichen
Erfindungs- und Gestaltungskraft unserer
altschwäbischen Meister: dies ist die erste heil-
same Frucht einer solchen Ausstellung. Aber
nicht die einzige soll es sein! Wir müssen
auch bei denjenigen, deren Ueberlegenheit wir
erkannt und gefühlt, in die Schule gehen,
müssen liebend uns in ihren Geist versenken,
ihre Gedanken Nachdenken, ihre Technik zu
ergründen und nachzumachen suchen. — Das
hat ein Tischlermeister Anton Hauber aus
Altstädten bei Sonthofen mit Erfolg versucht.
Sein Schränkchen aus Ebenholz nüt Holz-
einlage, die von dem Aussteller selbst gefer-
tigt und 5 mm ausgegründet ist (Nr. 181)
ist zierlich, geschmackvoll und dauerhaft. Wie
konnte er uns mit einer so gelungenen Ar-
beit in einem fast ausgestorbenen Kunstfach
überraschen? Weil er die Vorbilder der Al-
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