Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

Seite: 96
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Kurt Borgeutryk 1483 (Museum Braunschweig),
den Altar von Wolfskehlen (Museum Darmstadt)
und den Marienaltar im Dom zu Frankfurt.

Der Text schließt die Geschichte der romani-
schen Altäre ab und behandelt noch die früh-
gothischcn Flügelaltäre in Deutschland. Auch in
diesem Theil seiner Untersuchungen getaugt der Ver-
fasser zu überraschenden Resultaten. Die Forschun-
gen über den romanischen Altar zusammenfasfend,
weist er darauf hin, daß für die Regel während
der romanischen Zeit eigentliche Altaraussätze ge-
fehlt haben und die Altartische nur vorübergehend
durch Aufstellung von Reliquiarien geschmückt
wurden. Ausnahmen sind nur die in geringer
Zahl erhaltenen, mit Gemälden versehenen Holz-
tafeln, die steinernen und metallenen Retabeln,
welche auf der Mensa bleibend angebracht wurden.
Von ans Holz geschnitzten romanischen Altarauf-
sützen hat der Verfasser noch keine Spur entdecken
können. Darin liegt allerdings auch eine Er-
klärung, warum unsere hölzernen, modern-roma-
nischen Schnitzaltäre meist so wenig dem Geist
der alten Kunst entsprechen.

Den Anfang der gothischen Altäre setzt der
Verfasser in die Mitte des 13. Jahrhunderts.
Der neue Stil änderte an der Form der Mensa
im Wesentlichen nichts. Was den Aufsatz an-
langt, so trifft der gothische Stil einmal Vorrich-
tungen zu ständiger Aufbewahrung und Exposition
der Reliquien auf den Altären, sodann schafft er
die eigentliche gothische Form des Altaraufsatzes,
den Flügelaltar.

Hier kommen nun zuvörderst zur Besprechung
die eigenthümlichen Reliquienaltäre, welche im
13. Jahrhundert in Frankreich viel verbreitet
waren und deren Spuren man auch in Deutsch-
land findet. Sie waren so eingerichtet, daß hinter
dem Altar eine Art Thronus mit Baldachin sich
befand, der an den vorderen zwei Ecken auf der
Altarrctabel aufsaß, an den beiden andern auf
Säulen ruhte (Abbildungen bei Viollet-Le-Duc,
dictionnaire de l’architecture, art. autel) * dieser
Thronus war zur Aufnahme von Reliquien-
schreinen bestimmt. Man konnte unter denselben
stehen oder durchgehen, was der Verfasser mit
dem Wunsch der Gläubigen in Zusammenhang
bringt, Augenblicke der Andacht und des innigen
Gebets in unmittelbarer Nähe der in den Reli-
quienschreinen ruhenden Leiber der Heiligen zu-
zubringen. Diese gänzlich abgekommene, altehr-
würdige Altarform zeigt noch der alte Hochaltar
von St. Ursula in Köln, der in den späteren mäch-
tigen Holzaltar einfach eingeschlossen wurde und
so erhalten blieb. Auch die Hochaltäre von St.
Severin und St. Kunibert in Köln, solvie der
von St. Wendel in der Rheinprovinz zeigen noch
Reste und Reminiscenzen solcher Altarformen.

Bei dieser Gelegenheit macht der Verfasser auf
eine eigenthnmliche Erscheinung an manchen Altar-
mensen aufmerksam. Manche aufgemauerte Mensen
alter Zeit bergen in ihrem Innern gewaltige Hohl-
räume. Diese waren jedenfalls nicht zu Rumpel-
kammern bestimmt, wozu sie in unserer Zeit
allerdings vielfach mißbraucht werden. Der Ver-
fasser glaubt aber auch nicht an Schatzkammern
zur Bewahrung von Reliquien oder Kirchenkost-

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barkeiten. Ihre Größe und Anlage spricht da-
gegen; sie sind theilweise unter den Fußboden des
Chors hinabvertieft und auf mehrstufigen Stein-
treppchen zugänglich, auch mit Luft- und Licht-
löchern versehen, wie z. B. in Wimpfen i. Thal;
sodann sind sie vielfach ganz unverschlossen und
ohne Thürvorrichtung. Der Verfasser ist nun der
Ansicht, daß diese Räume als Betkammern und
Kapellen gedient haben; man habe sich hieher
begeben zum Gebete, um den Leibern der Heiligen
und der Stätte des Opfers möglichst nahe zu
sein und „einzelne fromme Personen haben hier
der hl. Messe, die am Altar in besonders drin-
genden Anliegen dargebracht wurde, beigewohnt".

Ich glaube nicht, daß diese Hypothese haltbar
ist. Es scheint mir gänzlich unwahrscheinlich,
daß man in Zeiten, in denen man die Laien
streng vom Chore fcrnhielt, namentlich während
des hl. Opfers, einzelnen gestattet haben soll, sich
förmlich im Altar aufzuhalten, an einem Orte,
wo man ihnen hätte einen Wächter beigeben
müssen, sollte nicht durch die Dunkelheit' und
Verborgenheit die Gefahr der Profanirung der
heiligsten Stätte förmlich provocirt werden. Diese
Annahme wird noch nicht einmal dadurch wahr-
scheinlich, daß man sie etwa auf Ordensleute ein-
schränkt. Hätte diese eigenthümliche Sitte jemals
allgemeiner bestanden, so hätten auf jeden Fall
sich Spuren davon in Gebet- und Erbauungs-
büchern uird in Predigten erhalten müssen. Man
wird also sicher auf diese Erklärung der Altar-
Hohlräume verzichten müssen; vielleicht bringt
iveitere Untersuchung der alten Altäre besseres
Licht für Lösung der Zweckfrage.

Als Uebergang vom Reliquienaltar zum Flügel-
altar stellt sich dar der in seiner Art einzige in
der Elisabethenkirche zu Marburg; er
zeigt noch den Hiuterbau für den Reliquienschreiu;
die tiefen kapellenartigen Blenden des eigentlichen
Aufbaues aber, welche zur Aufnahme von Bildern
und Reliquiengefäsfen bestimmt waren, konnten
durch eigene Vorrichtungen geöffnet und geschlossen
werden. Dieser Verschluß war ein doppelter: ein
innerer, mittelst eines Eisengitters, zum Schutz
der Schätze uud Heiligthümer, ein äußerer, mittelst
Emporschiebung von gemalten Holztafelu, die man
bequem herausnehmen und wechseln konnte, so
daß hier das Antlitz des Altars in ähnlicher
Weise veränderlich war, wie später bei den Flügel-
altüren.

Beispiele von Flügelaltären aus dem 13. Jahr-
hundert sind sehr selten; eine Menge hieher da-
tirter Altäre sind in's 14., ja 15. Jahrhundert
zu verweisen. Mit Sicherheit sind in diese Zeit
zu verlegen nur der Flügelaltar auf dem Nonuen-
chor in Alteuberg bei Wetzlar, der Hochaltar der
Jakobskirche in Nürnberg, ferner ein Altar der
Klosterkirche in Cismar (Holstein) und der Kloster-
kirche in Doberan (Mecklenburg).

Dies die Hauptpunkte des Textes. Wir em-
pfehlen abermals das gediegene Werk auf's ein-
dringlichste zur Anschaffung, namentlich für die
Kapitelsbibliotheken. K e p p l e r.

Stuttgart, Buchdruckcret der Akt.Gcs. „Deutsches Volksbtatt".
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