Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

Seite: 101
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eo perveniat audaciae, ut clara luce
conatum furti facere velit. —

Wir können nur wünschen, daß überall,
wo es Noch thut, ein ähnliches wahrhaft
bischöfliches Wort Reinedur schaffe. Wenn
wir in diesem Blatt die Angelegenheit zur
Sprache brachten, so geschah es zunächst,
weil mit ihr- ein wichtiges Lebensinteresse
der kirchlichen Kunst verknüpft ist. —

Die Vortragkreuze im Landkapitel
Tettnang.

Von Vikar I. Schnell in Friedrichshafen.

Das Kreuz, die Siegesfahne der Kirche
wurde von den ältesten Zeiten an den
Prozessionen der Gläubigen voransgetra-
gen, als Feldzeichen und ' Wegweiser des
Heeres Christi. Was war also natürlicher,
als daß man versuchte, auf diese Prozes-
sionskreuze gleichsam einen Abglanz, einen
Reflex des Glanzes und der Glorie des
wahren Kreuzes Christi zu legen und dem-
gemäß ihre äußere Form so herrlich als
möglich zu gestalten? Der überaus reiche
Schmuck vieler alten Prozessionskreuze be-
stätigt es in der That, daß das Mittel-
alter, auch im kleinen groß und würdig
denkend, darnach strebte, die Worte fulget
crucis mysterium in dem schönen Hymnus
vexilla regis prodermt von Venantins
Fortunatns in sichtbare Wirtlichkeit zu über-
setzen.

In auffallend reicher Fülle sind mittel-
alterliche metallene Prozessionskreuze noch
erhalten im württembergischen Oberland.
Während Glocken, hl. Gefässe und sonstige
Kunstgegenstände aus jener Zeit meistens
schwedische, französische oder deutsche Beute
wurden, blieben diese Vortragkreuze er-
halten, sei es nun weil sie der Beachtung
entgiengen, sei es weil sie für werthlos
angesehen wurden. Einige Proben aus
diesein Reichthnm, die Kreuze im Land-
kapitel Tettnang, zur Abbildung und ge-
naueren Beschreibung anszuheben, schien
uns angezeigt und nutzbringend nicht bloß
vom historischen Standpunkt aus, sondern
namentlich im Interesse der Kunstpraxis;
an den herrlichen Metallarbeiten läßt sich
abnehmen und ablernen, wie feste Dauer-
haftigkeit mit schöner mustergiltiger Form
sich verbinden läßt. Die auf der Beilage
vorgeführten, und im Folgenden näher zu

beschreibenden Vortragkreuze werden daher
den schaffenden Meistern der Metallkunst
zur Nachbildung und Nachahmung dringend
empfohlen.

Zur Erläuterung bemerken wir, daß die
Figur I. auf der ersten Blatthälfte der Bei-
lage die Rückseite des Kreuzes in Schne-
tz e n h a u s e n zeigt, genau nach dem Origi-
nal; umgeben ist diese Zeichnung von ein-
zelnen Partieen des Kreuzes in Friedrichs-
hafen. Figur II. auf der zweiten Blatt-
hälfte zeigt ein Kreuz, das ans Theilen
verschiedener Kreuze zusammengesetzt ist.
Die Größe, die Zeichnung des oberen
Längebalkens und der beiden Querbalken
und der crucifixus sind vom Kreuz in Jet-
tenhausen. Die übrigen Nummern werden
je in den einzelnen Beschreibungen an ihrem
Platze erwähnt werden.

Das Vortragkreuz in S ch n e tz e n h a u-
sen nennen wir in erster Linie, nicht etwa
wegen seines Alters, sondern wegen seiner-
schönen und einheitlich durchgesührten Zeich-
nung, und weil gerade an ihm das schönste
Muster eines ganzen Kreuzes geboten wer-
den kann.

Der Kern des Kreuzes ist Holz; dieses
ist auf der Vorder- und Rückseite mit ver-
goldetem Kupferblech überzogen, die beiden
Nebenseiten sind bekleidet mit Eisenblech.
Es hat eine Höhe von 44,5 cm; die Breite
der Querarme beträgt 35 cm, die des
Stabes 4 cm. Die vier Kreuzesenden
zeigen den sog. Vierpaß, d. h. die Klee-
blattform mit vier rechtwinkligen Ueber-
gängen, welche die Winkel zwischen den
Bogenansätzen hübsch ausfüllen. In der
Vierung, d. i. in dem Theile des Kreu-
zes , wo Längenarm und Querarm sich
kreuzen, springen rechtwinklige Ecken vor,
so daß sich hier eine größere Fläche bildet
(vgl. ans dem ersten Blatt das Agnus Dei
in der Mitte), ebenso wie der Vorderseite,
wo der Namenszug Jesu in lateinischen
Majuskeln eingravirt ist (I H S.), während
die Rückseite das Lamm Gottes zeigt mit
Nimbus und Siegesfahne. Wie ans der
Zeichnung ersichtlich, ist die Ornamentirung
der Kreuzesstäbe durch gothisches Lanbge-
winde auch in den Vierpässen fortgesetzt.
Diese Laubgewinde sind von kräftiger siche-
rer Hand gravirt und zeigen bei aller Ein-
heit des Stiles dennoch eine staunenswerthe
Mannigfaltigkeit der Formen. Ganz be-
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