Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

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Die ziemlich langen Arme sind zuerst etwas
abwärts geneigt und dann aufwärts ge-
bogen. Die Füße stehen getrennt aus einem
suppedaneum. Die tief in der Stirne
beginnenden Haare fallen regelmäßig ge-
scheitelt in einigen Falten aus die Schul-
tern herab. Die Augen sind geschlossen,
der Bart ganz steif, Dornenkrone fehlt.
Der Unterleib ist sehr hoch aufgetrieben.
Das Lendentuch, vermittels eines breiten
Gürtels vorne geknotet und links und
rechts hinaufgeschürzt, fällt in zwei sym-
metrischen Faltenbündeln bis ans die Kniee
herab. Dieser crucikixrm, welcher viel
älter ist als das Kreuz, kam erst vor eini-
gen Jahren anstatt eines anderen, welcher
dem betr. Reparateur besser gefallen haben
mag, an dieses Kreuz.

Eine gewisse Stilverwandtschaft in der
Zeichnung mit dem Kreuze von Jetten-
hausen hat dasjenige von Obertheurin-
g en. An Größe steht es dem Friedrichs-
hafer Kreuz am nächsten, da es 50 cm hoch,
37 breit in den Querarmen und 4,5 cm
breit in dem Stabe ist. Der Kern ist
auch hier wie bei allem Holz, überzogen
mit vergoldetem Kupferblech, ans den Sei-
ten Eisenblech. Die Enden zeigen den
Vierpaß, aber die Ausfüller der Zwischen-
räume endigen nicht rechtwinklig wie beim
Schnetzenhauser Kreuz, sondern spitzwinklig
(vgl. Blatt II. Nr. 5). Die Zeichnung
der Stäbe ist überall die gleiche und bietet
nicht die mindeste Abwechslung. Aehnlich
wie in Jettenhansen winden sich um einen
flachen Stab streng stilisirte Blätter; auf-
fallend sind die aus den Blättern heraus-
tretenden Früchte, die eine gewisse Ähn-
lichkeit haben mit kleinen Forchenzapfen.
Der Untergrund ist wie bei dem Friedrichs-
Hafer Kreuz schraffirt. Vierung wie bis-
her erweitert, aus der Vorder- wie Rückseite
ein sich erweiterndes Kreuz eingravirt. In
den Vierpässen vertreten die Stelle von
Medaillons Plättchen in Kreisform, die
am Rand in getriebene kleine Blätter aus-
lausen. Diese Plättchen aus Silberblech
werden gehalten von Nägeln, deren Kopf
aus einem kleinen vergoldeten Plättchen
heraustritt, das ebenfalls getrieben ist.

Der cruciüxu3 ist ans Kupfer und ver-
goldet, der Rücken hohl. Das Haupt ohne
Dornenkrone ruht ganz auf dem rechten
Arme, Bart und Haupthaare sind schön

ciselirt, die Augen geschlossen. Das Scham-
tuch links geschürzt und hübsch gefaltet.
Die Beine sind von einander getrennt und
erst die Füße unten kreuzweis übereinander
gelegt. Die Brust ist sehr stark profilirt.
Der crucifixus stammt aus der nämlichen
Zeit wie das Kreuz, aus dem 15. Jahrh.

Das Vortragkreuz in Hiltensweiler.
Die schöne spätgothische Kirche in Hiltens-
weiler besitzt auch ein schönes spätgothisches
Vortragkreuz. Höhe 45 cm, Breite in
den Querarmen 35, im Stab 4 cm. Dieser
endigt in rechtwinkliger Vierpaßform; die
Vierung, wie oben quadratisch erweitert,
zeigt aus der Vorderseite einen Strahlen-
kranz, wahrscheinlich den nirndu8 crucifixi.
Ganz wie in Jettenhausen sind aus den
Vierpässen getriebene Silberblechstücke aus
der Zopfzeit aufgenagelt, aus der Vorder-
seite die vier Evangelisten mit den Sym-
bolen und aus der Rückseite die Namen
Jesus, Maria, Joseph und Joachim dar-
stellend.

Die Zeichnung der Vorderseite besteht
in einem gravierten Stamm, aus welchem
Zweige mit Blättern und kleinen hornähn-
lichen Früchten hervorwachsen (vgl. Blatt II.
unterer Längestab des Jettenhäuser Kreu-
zes zu den Füßen des crucifixus Nr. 6).
Dagegen zeigt die Rückseite recht nette
Gravirungen. Es sind zwei in geometri-
scher Manier verschlungene Aeste, die sich
gegenseitig durchdringen und durch welche
sogar die einzelnen kleineren Aestchen mit
ihren Blättern und Früchten hindurch-
wachsen. Aehnlich wie in Schnetzenhausen
ist auch hier die Vierung mit einer Zeich-
nung ausgefüllt, die in der Vermengung
geometrischer Formen mit Astverzweigungen
so recht den Stempel der Spätgothik an
sich trägt (vgl. Blatt II. Nr. 7).

Der jetzige crucifixrm ist ein Messing-
guß aus der Renaissancezeit. An seiner
Stelle war früher ein größerer, wie die
vorhandenen Löcher für die Nägel beweisen.

Ein mehr zierlich gearbeitetes Kreuz fin-
det sich in Primisweiler. In seiner
Größe stimmt es beinahe überein mit dem
voll Jettenhausen, es ist nämlich 41 cm
hoch, 30 cm breit und mißt iu seinem
Stabe 3,5 cm. Der Holzkern ist beschla-
gen mit schönem starken Messingblech. Die
Stäbe endigen im Vierpaß, der aber nur
6 cm im Durchmesser hat. In der Mitte
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