Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

Seite: 112
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und ein edleres Material zuwenden und
auch hierin den alten Zeiten wieder nach-
eifern ! —

Kirchliche Kunst und liturgischer
Anstand.

Wenn auch in einem Kunstblatt die in der
pastoraltheologischen, ascetischen und liturgi-
schen Literatur sich wiederholende Mahnung
an den Klerus Aufnahme findet, in den kirch-
lichen Funktionen das litnrgifche Dekorum
zu wahren und auch in den leiblichen Be-
wegungen und Handlungen das sancta
sancte zur Geltung zu bringen, so hat das
sicher seine Berechtigung. Der kirchlichen
Kunst kann es wahrlich nicht gleichgiltig sein,
in welcher Weise der snngirende Priester sich
in den von ihr geadelten Räumen und Ge-
wändern bewegt. Durch nichts können ihre
Schöpfungen mehr gehoben werden, durch
nichts kommt ihre ins Einzelnste gehende
ästhetische Fürsorge mehr zur Wirkung und
Geltung, durch nichts gewinnt die von ihr
geschaffene Pracht mehr Leben und Puls-
schlag als durch die würdevolle Erscheinung
des Liturgen, welcher von der Heiligkeit und
Schönheit der kirchlichen Ceremonien durch-
drungen sich alle Mühe gibt, dieselben rein
und edel zur Darstellung zu bringen.

Man wird geradezu sagen können, daß
ein würdiges, wahrhaft ästhetisches Auftreten
und Agiren des fnnktionirenden Priesters
bis aus einen gewissen Grad die Schmuck-
losigkeit einer armen Kirche vergessen machen,
die Pracht reicher Gewänder ersetzen kann.
Aber alle Kunst des Heiligthums wird ein
würdeloses, unanständiges Hantiren des
Liturgen nicht ausgleichen, dessen üblen Ein-
druck nicht verwischen können; der Mißton
wird nur um so greller sein. Wenn in einem
mit aller Kunst und aller Feinheit ansge-
statteten Salon die Dame oder der Herr des
Hauses, welche die Honenrs machen, durch
ungeschlachtes und ungebildetes Benehmen
auffallen, so wird jeder davon aufs pein-
lichste berührt werden. Sollte der Eindruck
ein besserer sein, wenn in einer herrlich aus-
gestatteten Kirche der amtirende Priester als
verkörpertes Bild der Unanständigkeit er-
scheint und mit roher Hand die Ceremonien
der Kirche allen Dustes der Schönheit be-
raubt ? Darunter leidet die Liturgie und
die Kunst gleichmäßig und auch letztere hat
alles Recht, von den geistlichen Erziehungs-
anstalten zu verlangen, daß die Ausbildung
des Klerus nach dieser liturgisch-ästhetischen
Seite nicht vernachlässigt werde.

Die Kunst schasst den Schauplatz, auf

welchem der Liturge sich zu bewegen hat,
sie legt es darauf ab, diese Stätte durch ihre
idealen Verschönerungsmittel mit Reflexen
ans der andern Welt zu verklären. Schon
den Raum selbst sucht sie gleichsam über den
irdischen Boden hinausznheben, indem sie
ihn dem Firmament entgegenwölbt. Mit
dem Edelsten, was sie an Material, Formen
und Farben zur Stelle bringen kann, schmückt
sie ihn von dem Fußboden bis zur Gewölbe-
krönung. Mit Gestalten von ernstester und
heiligster Haltung bevölkert sie die heiligen
Räume und umgibt sie den Thron des
eucharistischen Gottes. Die Haltung und
Stellung dieser Heiligenfiguren und der in
ihr sich aussprechende Geist soll maßgebend
sein für alle, welche in der Kirche weilen.
Einen widrigeren Kontrast könnte es nicht
geben, als wenn das einzige Anstößige und
Aergerliche in diesem Palaste Gottes eben
der seines hl. Amtes waltende Priester wäre
und wenn seine Erscheinung von allem, was
das Auge sonst sieht, angeklagt und verur-
theilt würde.

Aber die Kunst kommt ja noch in viel
engere, in nächste leibliche Beziehung zum
Liturgen. Sie kleidet ihn. Die liturgische
Gewandung, welche die Kunst nach Vor-
schrift der Kirche schasst, gehört von jeher zu
ihren schönsten Erzeugnissen, so recht zu
ihren kleinen und doch wichtigen Lieblings-
schöpfungen, in welchen ihre Poesie, ihr
ästhetischer Sinn, ihre heilige Phantasie und
der ganze Reichthnm ihrer Gestaltungskraft
sich bewähren. Die Schönheit und Würdig-
keit ihrer Erzeugnisse geht aber sofort zu
Schanden, wenn sie zur Bekleidung eines
anstandslosen Liturgen dienen müssen; dann
werden die feierlichsten Gewänder zum Spott
und zur Maskerade.

Gibt es ein ehrwürdigeres Gewand als die
Albe, wenn sie den richtigen Schnitt hat,
so daß die Falten schön niederfließen, wenn
sie von nicht zu grober Leinwand ist, tadel-
los weiß, mit gestickten Säumen? Was ist
aber noch Schönes an diesem Gewand, wenn
ein Priester hochausgeschürzt es trägt, so
daß zwei bis drei Hände breit die Soutane
sammt Hosen und Stiefeln hervorschaut und
man durch unwillkürliche Jdeenassociation an
eine zu ihrem Geschäft geschürzte Waschfrau
erinnert wird, — umsomehr wenn vielleicht
der dunkle Teint des weißen Gewandes nach
der Hand einer solchen Wohlthäterin der
Menschheit schreit! Oder welchen ästhetischen
Eindruck vermag das schönst gestickte Meßge-
wand noch zu machen, wenn der Priester durch
seine sonstigen Bewegungen es beständig zum
Fliegen und Flattern bringt? (Schluß folgt.)

Stuttgart, Buchdruckerci der Akt.-Gcs. „Deutsches Volksblatt".
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