Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

Seite: 115
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Rippe stützen, sind also von ein-
ander äußerst verschieden; nichts
würde aber natürlich im Wege
stehen, zwei gleichartige Gewölbe-
abtheilnngen wie die zu den Schild-
bögen gehörenden neben einander
zu bringen, wenn die Grundflächen-
eintheilung demgemäß gestaltet wird.

Dann erhält man natürlich statt
eines Vierecks ein Vieleck mit schma-
len Seiten, und damit kommen wir
zu einer Anwendung des Rippen-
gewölbes von hoher Schönheit,
nämlich in der Wölbung der Chor-
absiden. Die Halbkugel der Absis,
welche ja zu dem lebhaften Spiel
der Rippen einen ungewöhnlichen
Gegensatz gebildet hätte, war nun
beseitigt. Der Chor wurde nicht
mehr rund, sondern vieleckig ge-
schlossen, und aus jeder Ecke schwang
sich eine Rippe zum gemeinsamen
Mittelpunkte empor; wie Fig. 103
im Grundriß (in der linken Hälfte)
und Aufriß zeigt. Die Schildbögen
der Vielecksseiten wurden gewöhn-
lich hoch gestelzt, damit sie nicht
zu sehr unter dem Scheitel des
Gewölbes blieben und damit die
Fenster eine den übrigen entsprech-
ende Höhe erhielten. Bis zu dem
Punkte, wo die Wölblinie der
Schildbögen begann, bestand dann
die Kappe nur aus einem in der Stärke
der Rippen hinter diese gesetzten Mäuer-
chen. Man sieht leicht aus Fig. 104,
wie wirkungsvoll ein derartiges Gewölbe
im Chorfchluß ist, aber auch, wie es ohne
Rippensystem überhaupt nicht möglich
wäre.

Im Chorschluß gehen nicht alle Rip-
pen über den Scheitel hinaus bis zur
entgegengesetzten Seite, sondern die zwi-
schen den Vieleckseiten befindlichen schließen
im Scheitel ab. So können nun die
Rippen durchweg eine beliebige Richtung
haben, ja selbst in der Form verschieden
sein, wenn sie nur so geordnet werden,
daß sie sich gegenseitig (mit Berücksichtig-
ung der auf ihnen lastenden Kappen) das
Gleichgewicht halten. Danach kann also
ein gothisches Gewölbe mit derselben
Leichtigkeit über jeder beliebigen Grund-
fläche von der dreieckigen an errichtet

Fig. 103.

Fig. 104.
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