Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

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werden, ob sie nun regelmäßig sei, oder
nicht. Eine sehr wichtige Anwendung fand
dies bei den Chorumgängen (vrgl. den
Grundriß Fig. 80 in Nr. 7). Die trapez-
artige Form dieser Joche bot eine nicht
geringe Schwierigkeit, denn wenn die Kreuz-
rippen ihre gerade Richtung behielten,
konnten sie sich nicht im Scheitel schneiden,
sondern trasen sich an einem tieferliegen-
den Punkte. So ist es z. B. in der
Kathedrale von Langres. Diese Lösung
ist nicht nur ästhetisch unbefriedigend, son-
dern hat außer andern auch den Nach-
theil, daß die größere Hälfte die kleinere
hinüberdrängen könnte. In Fig. 80 sind
darum die einzelnen Rippenhälften von
einander in der Richtung unabhängig ge-
macht, und so geordnet, daß sie alle ziem-
lich gleiche Länge haben. Ein Blick auf
die gothischen Grundrisse in Nr. 7, be-
sonders das Chorhaupt des Kölner Doms,
lehrt besser als viele Worte, welch eine
großartige Errungenschaft das vollkommen
ansgebildete Rippengewölbe darstellt, indem
der Baumeister sozusagen aller lähmenden
Fesseln bei der Bildung seines Grundrisses
ledig ist. (Fortsetzung folgt.)

Kirchliche Kunst und lituraischer
Anstand.

(Schluß.)

Das Prachtgewand der Kirche ist zweifellos
das Pluviale, — wenn der, welcher damit ange-
than ist, Würde und Feierlichkeit in sein Gehen
und Handeln zu legen weiß; wenn er aber durch
häßliches Springen und Eilen, durch wüstes
Umherwerfen des Thuribulum, in jeder Knie-
beugung das Gegentheil von Würde und
Feierlichkeit zur Anschauung bringt, so schändet
er in Wahrheit das kirchliche Prachtgewand.
Oder das Thuribulum selbst, was nützt ihm
die schönste klassische Form, wenn Priester
und Ministranten es wie einen Ball in der
Luft Herumschleudern. Und das schönste
Aspergil kann doch nicht ästhetisch wirken,
wenn der Geistliche es handhabt, als wollte
er Gespenster damit verscheuchen oder Schul-
knaben züchtigen.

Ich sah einmal einen Prediger auf der
Kanzel, der ziemlich weite Aermel an seinem
Chorrock hatte. Sobald derselbe seinen Vor-
trag begonnen hatte, führte er die lächerlichste
Gestikulation aus, die ich je gesehen. Die
Kanzel war gothisch und an Ecken und
S-pitzen nicht arm. Offenbar war früher

einmal dem Prediger das Ungeschick passirt,
daß er mit den Aermeln an einer solchen
Spitze hängen blieb. Um dies für die Zu-
kunft zu verhüten, trieb er neben der Predigt
her mit wahrer Leidenschaft eine förmliche
Aermeljagd; die eine Hand sieng mit fieber-
haster Geschwindigkeit den Aermel des andern
Armes ein und umgekehrt, und suchte ihn
krampfhaft hinter der Brüstung zurückzuhalten.
Bei den Bewegungen des Predigers konnte
es nicht fehlen, daß immer wieder bald der
eine bald der andere Aermel vorwitzig vor-
kam und Lust verspürte, über die Kanzel-
brüstung hinauszuschanen, so daß der Prediger
durch dieses Geschäft des Aermelfangs völlig
in Athem gehalten wurde und nur zu ver-
wundern war, daß er nicht aus dem
Context kam. Das Beispiel gibt Kanzel-
bauern und Paramentengeschäften zu denken;
hier aber wird man mir glauben, daß dieses
Manöver aus der Kanzel nicht bloß der
Predigt, sondern auch der ästhetischen Wirkung
des Gewandes schadete.

Nun ist zuzugeben, daß derartige An-
standsfehler oft ganz unwissentlich sich ein-
schleichen; namentlich bei Geistlichen, welche
Jahre lang auf dem Land funktioniren, ohne
einen andern zu sehen oder von einem andern
gesehen zu werden, setzen sich gerne unschöne
Auswüchse und Gewohnheiten dieser Art fest.
Es ist auch zuzugeben, daß von Natur und Haus
aus der eine hierin mit feinerem, der andere
mit gröberem Sinn begabt sein kann. Aber
ebenso sicher ist doch gewiß, daß solche schlimme
Angewöhnungen nichts Nothwendiges und
Unvermeidliches sind. Durch geistige Selbst-
zucht kann jeder es dahin bringen, daß er
sich selbst sehen, beurtheilen, kontroliren,
kritisiren und bessern lernt; dazu ist nichts
nöthig, als daß man das leibliche Auge und
das Auge der Reflexion über sein eigenes
Sein und Thun öffne. Ferner handelt es
sich ja hier nicht um die Erlernung der

schwierigen Evolutionen der fast equilibri-
stischen und halbakrobatischen Kunst höfischer
Etiquette. Die liturgische Kunst ist leicht zu
erlernen, schon deswegen, weil ihre obersten
Gesetze auf Einfachheit und Eingezogenheit

und sodann auf Langsamkeit und Gemessen-

heit der Bewegungen und Handlungen dringen.
Rasche und eilfertige Bewegungen am Altar
und in der Kirche müssen immer unschön

sein. Man muß zwar sehr tadeln Ver-
schleppungen der Gottesdienste seitens der
Geistlichen durch lahmes Recitiren, durch
häßliches, selbstgefällig der eigenen Stimme
lauschendes Hinausziehen des liturgischen Ge-
sangs, durch unberechtigtes Sichgehenlassen
in subjektiven Andachtsstimmungen; aber je-
mehr der Geistliche hierin im Sinne der
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