Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

Seite: 117
DOI Heft: 10.11588/diglit.15862.61
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15862.63
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15862.64
DOI Seite: 10.11588/diglit.15862#0121
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1886/0121
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
117

Kirche die rechte Ordnung hält, umsomehr
behält er Zeit übrig für würdevolle Lang-
samkeit und Gemessenheit in den Bewegungen
und Handlungen.

Darum hat die kirchliche Kunst alles Recht,
auch von sich aus und in ihren Organen
diese Pflicht zu predigen und das allen er-
reichbare Maß von kirchlichem Dekorum auch
von allen zu verlangen, — umsomehr, da
der Mangel an Anstand in den Kirchen er-
fahrungsgemäß meist levitirt auftritt d. h.
fast regelmäßig von der Hauptperson sich den
Mesnern und Ministranten mittheilt. I.

Die Generalversammlung des ^rot-
tenburger Diözesankunstvereins

in Eßlingen am 12. O kt o b er.

Einige Reminiscenzen an diesen schönen
Tag, der überall die besten Eindrücke hinter-
ließ und, wie wir hoffen, für das Gedeihen
des Vereins von segensreicher Bedeutung
war und ist, verdienen wohl hier eine
Stelle, weil sie sich auf Punkte allge-
meinen Interesses beziehen. Die Wahl
der Stadt, für welche man sich ihrer herr-
lichen kirchlichen Baudenkmale wegen ent-
schieden hatte, bewährte sich in allweg.
Der Anschauungsunterricht, dem wir am
Nachmittag unter kundiger Führung an den
Werken des Mittelalters oblagen, trug
uicht weniger als die Versammlung am
Vormittag dazu bei, neue Begeisterung zu
wecken für die Hauptaufgabe des Vereins,
welche der Vorstand kurz dahin bestimmte,
daß das Schöne und Schönste in den
Dienst des Heiligen und Heiligsten gestellt
werden solle.

Der Ausschuß des Vereins hatte schon
am Abend vorher seine Berathungen ge-
pflogen. Die Generalversammlung nahm
in der vormittägigen Sitzung zunächst
die von Herrn Domkapitular Zimmerle
überbrachten Grüße des hochwürdigsten
Herrn Bischofs und des hochwürdigsten
Herrn Weihbischofs der Diözese, sodann
den von Herrn Stadtpfarrer Kesenheimer
entbotenen Willkomm seitens der katholi-
schen Gemeinde und des Stadtvorstandes
von Eßlingen dankend entgegen und ließ
sich sodann vom Vorstand, Professor Dr.
Keppler, Bericht erstatten über die Thä-
tigkeit des Vereins.

Vielerlei Anfragen, das war ans diesem
Bericht zu ersehen, Einholungen von Gut-
achten über Pläne und Entwürfe, Gesuche
um Fertigung von Plänen für Neubauten
und Restaurationsarbeiten boten reichliche
Gelegenheit, die Interessen der hl. Kunst
zu wahren und die Grundsätze des Vereins
praktisch zu bethätigen. Die letzteren seien
selbstverständlich die alterprobten geblieben,
für welche eben unser Verein von Anfang
an mit Entschiedenheit eintrat. Höchstens
in zwei Punkten könne man von einer
Schwenkung oder Wandlung reden. Ein-
mal bezüglich der Stellungnahme
zur Renaissance. In den ersten De-
zennien seines Bestandes habe der Verein
nicht bloß gegen kirchliche Neubauten im
Renaissancestil sich erklärt, sondern auch
verlangt, daß für stehende Renaissance-
oder Zopfkirchen, das Inventar im roma-
nischen oder gothischen Stil erstellt werde;
ebenso sei unbedingte Entfernung der Zops-
altäre verlangt worden. Nunmehr nehme
man keinen Anstand, für Kirchen des Re-
naissance- oder Zopfstils eine Renaissance-
ausstattung — natürlich nur mit Zu-
lassung der reinen und edlen Formen —
zu gestatten und zu empfehlen und selbst
für bedingte und theilweise Belastung von
Zopsaltären zu stimmen d. h. für Erhal-
tung dessen, was nach Entfernung von
allem Unschönen und Jndecenten, noch wirk-
lich Stil, Charakter und Form habe.
Diese freiere Richtung sei jetzt Recht und
Pflicht, nachdem man bezüglich des kirch-
lichen Dekorums feste Grundsätze gewonnen
habe und in der Kenntniß der Renaissance
weiter fortgeschritten sei, ebenso wie in
früheren Zeiten die schroffere Haltung der
Renaissance gegenüber absolut geboten
war. H

Der andere Punkt betreffe die St el-
l u n g z u r W a n d in a l e r e i. Der Verein
habe, wie es seine Pflicht sei, zu allen
Zeiten eine Hauptsorge aus die Wieder-
belebung der monumentalen Malerei ver-
legt. In praxi bekennt der Vorstand, viel-
leicht öfters seine Stimme gegen, als für Be-
malung der Kirchenwände erhoben zu haben,
vielleicht öfters für eine ganz einfache, als
für eine reichere. Erfahrungen traurigster
Art haben ihn auf diesen Standpunkt ge- *)

*) Vgl. über diesen Punkt Archiv 1886 S. 16 f.
loading ...