Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

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pfehlung muß man aber sofort nähere (Er-
klärungen und nothwendige Einschränkungen
beigeben. Am besten ist es wohl, wir
theilen die Frage bezüglich der Renaissance-
und Zopfaltäre in mehrere. Wie ist es
zunächst zu halten mit den Altären dieses
Stils aus deu letzten Jahrhunderten, die
in unseren Kirchen sich noch finden.

Was gute und tüchtige Renaissance-
arbeiten anlangt, so wäre es Vandalismus,
sie einfach wegzuwerfen. Aber in den
meisten Fällen wird man ebensowenig diese
Altäre einfach belassen können. Es ist
ein Hauptfehler, welchen auch die guten
Renaissancealtäre mit den zöpsischen theilen,
die schlechte und unwürdige Behandlung
des Tabernakels, welcher meist in die
Predella -erwiesen ist und zu Gunsten
eines großen Oelbildes oder mächtiger
Skulpturen mit den ärmlichsten Dimen-
sionen und auch mit den hungrigsten For-
men sich begnügen muß. Ein solch wesent-
licher Fehler und Mißstand darf natürlich
nicht weiter geduldet werden. In den
meisten Fällen wird es möglich sein, in
den Altarausbau, der also nach unserer
Voraussetzung Erhaltung verdient, ohne
größere Veränderungen, einen würdigen
Tabernakelbau einzufügen, der auch noch
ins Hauptbild etwas hineinragen dürfte,
wo dies nicht zu umgehen ist.

Aber freilich, die reinen Renaissance-
altäre gehören zu den Seltenheiten. Da-
gegen haben wir eine Uebersülle von Al-
tären der Spätrenaissance und des aus-
gelassenen Zopfes. Wir brauchen sie nicht
zu beschreiben; jeder hat ihr Bild im
Auge und sieht sie vor sich, diese gewun-
denen Schnecken, die phantastisch ge-
schwungenen und geschweiften Linien und
Glieder, die in förmliche Zöpfe gedrehten
Säulen, die nackten fettleibigen Engel, die
in der Ekstase in die Lust springenden
oder wie Wachsfiguren am Sonnenlicht
zerschmelzenden und zerschmachtenden Hei-
ligenfiguren ltnb endlich die riesigen künst-
lich bis ins Gewölbe gezogenen Hoch-
bauten selbst, mit noch allerlei Neben- und
Anbauten, die den ganzen Chor verbarri-
kadiren.

Was nun hier thun? Hinaus damit?
Wir sind mit diesem Ruf einverstanden.
Hinaus mit allem, was unanständig und
häßlich ist; hinaus mit den voltigirenden

Engeln und den verzückten Heiligen; weg
mit den übereinandergethürmten Stock-
werken und den angeschachtelten Neben-
bauten. Wenn nun aber nach dieser
gründlichen Säuberung und Reinigung
doch noch manches am Altar übrig bleibt,
was stilistisch tüchtig und würdig, was ge-
schmackvolle und treffliche Schnitzarbeit ist,
wenn vielleicht der ganze Hauptaufbau
durch gute Konstruktion und kräftigen
Charakter sich auszeichnet? Dann tritt
ein Gesetz der Kunst in sein Recht, wo-
nach man nichts muthwillig zerstören soll,
was wirkliche Kunstleistung ist, auch wenn
es späteren Stilgattungen angehört. Hier
ist es nicht bloß erlaubt, sondern es ver-
dient alles Lob, wenn man mit möglichster
Benützung des vorhandenen Guten den
Altar aus dem Zopf in die gute Renais-
sance umschafst, oder bei einem Renaissance-
Neuban die brauchbaren Glieder wieder zu
verwenden strebt.

Nun fragt sich noch, nach welchen Haupt-
grundsätzen bei Entwürfen neuer, im Re-
naissancestil zu erstellender Altäre oder bei
derartigen Umgestaltungen vorhandener
Altäre zu verfahren ist.

Der Altarform des Renaissance- und
Zopfstils ist ein mächtiger Hochbau we-
sentlich, der gewöhnlich fast die ganze
Chorschlußwand deckt. Wenn nun die
schönen Abschlüsse gothischer Chöre mit dem
Schlußsenster oder gar mehreren Chor-
senstern durch einen Altarkoloß blokirt und
verdeckt werden, so ist das eine Mißhand-
lung des Baues, die nach Sühne und
Hebung schreit. Ebenso ist es nicht zu
billigen, wenn in Renaissancekirchen, die
eine ausgebildete und reiche Chorarchitektur
haben, letztere durch Riesenaltäre verge-
waltigt und um alle Wirkung gebracht
wird. Altäre in bescheidenen Dimen-
sionen würden hier die Architektur heben
und von ihr gehoben werden. Anders in
den Chören von Renaissance- und Zopf-
kirchen, welche schon baulich für eine solche
Altar-Hochkonstruktion veranlagt erscheinen
und in welchen eine große Altarrückwand
in wohlthätiger Weise öde Wandflächen
verhüllt. Wenn man nun hier diese Altar-
sorm nicht verwerfen kann, so ist darauf
zu achten, daß man ihre Fehler nicht nach-
mache. Die Altaraufsätze der letzten Jahr-
hunderte stellen sich, aus ihren eigentlichen
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