Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

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■ den christlichen Heiligen um. Sie werden
als verkappte Götzen geradezu ins Heiden-
thum zurückversetzt, dem sie entsprungen
sein sollen. „Als der heidnische Kult
unserer Vorfahren der christlichen Religion
weichen mußte (so belehrt uns auch eine
illustrirte Zeitung) da wurden die alten
Götter in das Gewand christlicher Heiliger
gesteckt, und so ist der Gott, von dem z. B.
der hl. Martin seine ganze Macht und
all sein Ansehen bekam, kein geringerer
als Herr Wuotan selbst. Und darum sind
auch die Martins-Schmausereien und die
Martins-Trinkereien nichts weiter als die
Fortsetzung der großen Wuotansopser un-
serer heidnischen Vorfahren. Wenn die
Scheuern gefüllt, die Keller voll Wein,
dann wurde den Göttern geopfert und ge-
dankt mit Speise und Trant." Uebrigens
lebt Wuotan noch in zwei anderen Strei-
tern fort, wenn man unseren Archäologen
glauben will, in einem erdentsprossenen:
Skt. Georg, und in einem himmlischen:
Skt. Michael. „Diesen Archangelus der
Apokalypse übersetzte sich der Germane als
Engelsfürsten und sah er in Michael
wieder nur seinen Herzog, der sich von
einem Irwin oder Wodan in gar nichts
unterschied." (Lippert „Christenthum, Volks-
glaube und Volksbrauch" S. 500.) Was
Wunder, daß zum Bild der reinsten und
heiligsten der Töchter Eva's bald Kybele
oder Diana, bald Hulda oder Freia Mo-
dell gestanden sein müssen! „Auf Bildnis-
seu findet sich häufig die heilige Jungfrau
im Rosenhag dargestellt. Sie sitzt in einem
Rosengarten, ihr Haupt umschwebt von
zahlreichen Engelein. Ich vermuthe, daß
die hl. Jungfrau im Rosenhag zurückweist
auf Holda und der Rosengarten um so
mehr, als ja bekanntlich in zahlreichen
Fällen Maria an Holdas Stelle trat und
zwar speziell auch da, wo Holda als Herrin
der Seelen erscheint. Die christlichen Enge-
lein , welche das Haupt der Maria um-
schweben, sind die Stellvertreter der Seelen
geworden, die sich bei der Holda im Rosen-
garten aufhalten." (Pfannenschmid, das
Weihwasser, S. 208.) Anders Lippert
(a. a. O. S. 669): „Als die Germanen
Christen wurden, handelte es sich bei ihnen
nur noch um einen Ersatz für den Begriff
Freia (der Herrin) —• die Namen sind
ganz gleichgiltig — und sie finden ihn

in der Lieben Frau des Christentums, in
Maria der Himmelskönigin."

Allerdings, die Namen sind ganz gleich-
giltig, aber die Sache muß heidnisch sein!
Es ist dies die alte, schon von Julian dem
Abtrünnigen angewandte, von Volney
vollends ausgebildete und heutzutage in
allen Tonarten variirte Manier, das
Christentum dadurch herabzusetzen, daß man
es als einen Auswuchs und Ausbund des
Heidenthums darstellt. Nicht als ob diese
Absicht bei allen derartigen Versuchen offen
zu Tage träte oder auch nur unbewußt
denselben zu Grunde läge. Viele denken
nicht daran, durch ihre Vergleichungen des
Heidenthnms mit dem Christenthum dem
letzteren zu schaden. Und wären diese
Vergleichungen nur immer recht und ge-
recht, so würden sie gar nicht schaden.
Im Gegentheil! Sie würden dann das
ihrige dazu beitragen, das Christenthum
als das erscheinen zu lassen, was es ist:
als die wahre Weltreligion, auf welche
auch die heidnischen Religionen, ohne es
zu wollen, hingewiesen haben, und welche
alle Wahrheit, also auch die unter den
Heiden zerstreuten Reste der Urofsenbarnng,
wie in einem Brennpunkt in sich zusammen-
faßt. („Gerade darin liegt ja der bündigste
Beweis für die Wahrhaftigkeit des Christen-
thums allen anderen Religionen gegenüber
und für die Jnfallibilität der allgemeinen
Kirche an sich und im Verhältniß zu den
getrennten Konfessionen, daß sie den reinen
Inhalt alles dessen, was unter allen Um-
ständen der Zeiten, Länder und Nationen
Anspruch ans den religiösen Glauben machte,
bewahrt und erst bewährt, oder die ganze
und volle Wahrheit den Menschen zum
Bewußtsein bringt." So Lasaulx bei Sepp,
Heidenth. in s. Bedeut, f. d. Christenth.
I. B. S. 41). Nun als Weltreligion in
diesem Sinne erscheint das Christenthnm
wirklich in den Parallelen, welche schon
die Väter und ihnen nach so manche christ-
liche Forscher zwischen Heidenthum und
Christenthum gezogen haben. Sie haben
wie der Geschichtswissenschaft, so der Ver-
theidigung der Religion einen Dienst er-
wiesen. Wer dagegen, wie das vor Jahren
einmal im Heilbronner Unterhaltungsblatt
geschah, wer Heidenthum und Christenthnm
so verquickt, daß er ein Bildwerk an einer
christlichen Kirche als „ein zunächst Heid-
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