Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

Seite: 11
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die Frühgothik zur Bildung ihrer Pflau-
zeuzier bei der Natur in die Schule
gieug und doch sich dem Stein und dem
gegebenen Raum auzupassen wußte, in-
dem sie von den Naturformeu nur das
Charakteristische auf den Stein übertrug
und die einzelnen Pflauzeutheile in eben-
mäßiger, klar übersichtlicher Ordnung zu-
sammeustellte. In der Spätgothik haben
die Schlußsteine auch zuweilen Vierpaß-
und andere willkürliche Zierformen und
ihre Ausschmückung wird zuweilen wie
manches Andere arg übertrieben.

(Fortsetzung folgt.)

Zur Hrage des Beichtstuhls.

Von sehr geschätzter Seite wird uns ge-
schrieben :

„Ich bitte den Wunsch ausdrücken zu
dürfen, im „Archiv" möchte die Beichtstuhl-
srage noch einmal angeregt werden, mit
Rücksicht aus einen unsagbar wichtigen
Punkt, der in der letzten Besprechung ganz
ignorirt war, ich meine die Frage, wie ein
Beichtstuhl zu bauen sei, damit der Beicht-
vater möglichst wenig riskirt, gehört 31t
werden, resp. nicht gewungen ist, zu einem
peinlichen Stillsprechen, das wehe thut
und oft selbst vom Pönitenten nicht ver-
standen wird; außerdem ist es uupsycho-
logisch, wenn bei Ciuschärsuug strenger
Verhaltungsregelu oder Rüge über gewal-
tige Ausschreitungen nur gelispelt werden
darf. Frankreich *) und Holland haben
diese Frage vollauf berücksichtigt und eine
Art Verschluß am Beichtstuhl angebracht.
Unsere Beichtstühle sind oft empörend un-
praktisch und nicht wenige contessiolres
taisae oder auch fractiones sigilli hängen
damit zusammen. Der Artikel mußte die
Sache ganz von den Gesichtspunkten der
Akustik aus besprechen und Abhilfsmittel
für alte Beichtstühle und praktische Ein-
richtung für neue in Vorschlag bringen."

_ Wir anerkennen vollauf den Ernst der
hier angeregten Frage und bemerken, ohne
einer erschöpfenden Behandlung derselben
damit vorzugreifen, vorläufig in Erwide-
rung des freundlichen Schreibens Fol-
gendes.

U Wenigstens in Chamony traf ich Beicht-
stühle mit Glasverschlnß.

Zuvörderst sei betont, daß die Lösung
der obschwebeuden Frage, wie das Sigillum
am besten geschützt und gewahrt werden
könne, ohne daß dem Confessarius zu
große Reserve im Gebrauch der Stimme
zugemuthet werden muß, doch nur zum
einen Theil mit dem Bau und der Anlage
des Beichtstuhles zusauunenhängt; zum
andern und, will uns dünken, größeren
Theil ist sie durch die Plaziruug des Beicht-
stuhls und durch die Kircheudiszipliu an-
zustrebeu.

Den richtigen Platz für die Beichtstühle
herauszufindeu, soll immer eine ernste
Sorge feilt und bei Neubauten oder Ver-
größerungen soll diese Sorge ein die Ent-,
würfe beeinflussendes Wort mitzusprechen
haben. Es soll nicht der letzte Winkel
und der engste Gang noch als völlig ent-
sprechender Ort für den Beichtstuhl ange-
sehen werden. Nebst der Rücksicht auf
das dem Sakrament der Beicht schuldige
Dekorum verlangen alte und neue Kon-
zilsbeschlüsse Anbringung der Beichtstühle
au einem offenen, der Gemeinde sichtbaren
Ort. Der Chor ist nur ansnahmsweiser,
das Schiss der regelmäßige Ort für diese
Richterstühle der Barmherzigkeit Gottes.
Darum ist die Versetzung hinter den Hoch-
altar, der man auch in uilserem Laude viel-
fach begegilet, ein Verstoß gegen die kirch-
lichen Anforderungen, wiewohl sie allerdings
am ehesten den Beichtstuhl vom Volk isoliren
und daher auch das Beichtgeheimuiß am
sichersten schützen könnte. Im Schiffe aber
würden Kapellen, die allgemein zugänglich
sind, Wandnischen^) die Räume zwischen
eingezogenen Strebepfeilern vor andern
sich für die Aufnahme der Beichtstühle em-
pfehlen, weil sie beides gewährleisten, die
Oesfentlichkeit und doch wieder eine das
Geheimnis; schützende Abgrenzung vom ge-
wöhnlichen Gebetsraume. Die Ausstellung
in den Gängen setzt eine Weite der letzte-
ren von mindestens 2 Metern voraus; bei
geringerer Gangweite sollten wenigstens,
wo immer möglich, die Reihen der Bänke,
welche dem Beichtstuhl zunächst kommen,
verkürzt werden, damit dem Beichtstuhl aus

2) Doch soll, namentlich ans Gesnndheitsrnck-
sichten, der Beichtstuhl nicht förmlich in die Wand
eingelassen sein; die Nische muß um ziemliches
größer sein als der Beichtstuhl und dieser frei
stehen.
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