Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

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Ahns, Wächterin des Hauses, Hüterin des
Grabschatzes (vgl. Lippert, S. 491 ff.):
welch dankbare Motive für einen erfin-
dungsreichen Erklärer, um die Weinsberger
Kirche noch interessanter zu machen, als
sie ist! Und diese Motive hätten doch we-
nigstens Grund und Boden hier. Damals
allerdings nicht mehr! Was man damals
allgemein von dem Sinnbild der Schlange
hielt, das ist aus Konrads von Würzburg
(f 1287) „Goldener Schmiede", dem treuen
Spiegel jener gläubigen Zeiten, klar zu
ersehen. Wir unterbreiten jedem Alter-
thumskenner folgende Verse:

Der Nelle baslllscus schaden vil von
dir begreif. (Maria ist gemeint.)

Bi dir bezeichnet ist diu wisel
diu das hermelin gebar,
das den slangen eitervar (aistig)
ze töde an sin er krefte beiz.

Do Lucifer der hellewurm
uns den apfel ezzen sach,
da von ze sterben uns geschach,
do quam uns din gebürt ze statten.

Auch ein steinerner Zeuge aus dem 10.
Jahrhundert meldet sich zum Wort. Es
ist der archaistische, wahrscheinlich aus dem
Kloster Alpirsbach stammende Taufstein
in Freudenstadt, lieber zwei drachenköpfi-
gen Schlangen und zwei grob ausgehaue-
nen Hirschen trägt er die Umschrift:
Evomit infusum homo cervus ab
angue venenum.

Der eine Hirsch speit, nachdem er ans
einer Quelle getrunken, die verschlungene
Schlange sammt dem Gift ans: eine dra-
stische Darstellung der Wirkung der hl.
Taufe. Man sieht, mit dem Volksglauben,
welcher sich in diesen beiden Denkmälern
spiegelt, reimt sich die Auffassung der
Schlange als Lichtgeist schlechterdings nicht.
Nein, sie war nicht Agathodämon, sie war
Kakodämon. Das Volk verstand eben so
dies Sinnbild und der Erbauer der Weins-
berger Kirche und der Steinmetz, welcher
den Sockel mit diesem sonderbaren Zierath
umgab, sie konnten es nicht anders ver-
standen wissen wollen, wenn sie es über-
haupt in einem bestimmten Sinn verstan-
den wissen wollten. Das Schlangenbild
ans der Außenseite bedeutet daun — muß
bedeuten, analog den andern Ungeheuern
am Aeußern der Kirchen: Die Macht der
Finsterniß geht hierher und nicht weiter;
hier bricht sie sich; im Innern ist sichere

Zuflucht! — So bezeichnet denn die

Schlange nie etwas Gutes? Auf dem Bo-
den der Offenbarung nicht! Die Mahnung
des Herrn, klug zu sein wie die Schlangen,
besagt eben: Lasset uns von dem bösen
Geist an Erkenntniß nicht übertreffen! Und
doch will Sepp der ehernen Schlange eine
Lichtseite abgewinnen. Er schreibt (I. 277):
„Der Erlöser Israels, der allen, die von
der bösen Schlange gebissen sind und zu
ihm aufblickeu, vom Kreuz herab Heilung
und Genesung spendet, ist in dieser Figur
der himmlische Seraph, Seraphiel oder
Raphael, welcher darum (wie der Serapis
der Heidenwelt) zugleich als Schlange und
Arzt figurirt, nämlich als Licht- und Heils-
schlange den Gegensatz zur giftigen Todes-
fchlange bildet." Allein Sepp bringt hier,
wie manchmal, Dinge zusammen, die nicht
zusammen gehören. Das Wort sarapb
— so heißt bei Moses jene giftige Schlan-
genart — ist etymologisch mit dem Sanskrit-
Wort sarpa, lat. serpens verwandt, nicht
aber mit Seraphim, welches wahrscheinlich
vom arabischen sarata — vornehm abzu-
leiten ist. Vollends nichts hat der Seraph
zu thuu mit dem ägyptischen Serapis (vgl.
Geseuius, Thesaur. p. 1341). Aber wie
hängt dann das Schlangenbild am Pfahle
mit Christus am Kreuz zusammen? Nicht
etymologisch, sondern dogmatisch! „Die
Sünde", sagt Ealderon, „ist ein Gift;
wer dessen Wirkung an dem Sünder heilen
will, muß die Gestalt des Sünders an-
nehmeu, ohne an der Sünde Theil zu
haben." Die Schlange am Pfahle ist eben
nur insofern ein Vorbild von Christus,
als dieser für uns zur Sünde geworden
und wie der ärmste Sünder am Kreuze
hängt. Mau sieht also: auf dem Stand-
punkt des Glaubens ist der Begriff der
Sünde mit der Schlange unzertrennlich
verbunden. „Wo sich", bemerkt Lippert
S. 494, „die Freundschaft mit den Schlan-
gen erhalten hat, ist sie ein Rudiment, das
der christlichen Anschauung schnurstracks
widerspricht." Dagegen widerspricht die
christliche Anschauung von der Schlange
den ursprünglichen Vorstellungen des
Heidenthums nicht. Bei Lorenz Fischer,
„Heidenthum und Offenbarung" S. 216
ist das Siegel eines altbabylonischen, jetzt
im britischen Museum befindlichen Cylin-
ders abgebildet, zwei Personen darstellend,
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