Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

Seite: 23
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lieber Ableitungen von Christlichem
aus dem L)eidenthum.

Von Stadtpfarrer E. Keppler in Cannstatt.

(Fortsetzung.)

Ein Ueberblick über die altchristlichen
Symbole und ein Einblick in das Werden
und Wesen des ältesten Kirchenbaus wird
uns über das Gesagte des näheren belehren.
Wir schöpfen diesen Einblick und Ueberblick
hauptsächlich aus der Realencyklopädie der
christlichen Altertümer von Kraus, nament-
lich aus den Artikeln: Mythologie, Sar-
kophag, Basilika, in welchen sich die Ergeb-
nisse neuester Forschung sorgsam zusammen-
gestellt und scharfsinnig erörtert finden.

Wenn man liest von der Gebundenheit
der altchristlichen Kunst, von dem griechisch-
römischen Grund, auf dem sie gestanden,
und von den Typen, welche sie von dort
herübergenommen, so könnte man leicht aus
den Gedanken kommen, dieselbe sei nicht
nicht nur nach der Art und Weise, sondern
auch nach dem Inhalt ihres Schaffens in
heidnischen Banden gelegen. Diesen Satz
verficht alles Ernstes der französische Archäo-
log Raoul-Rochette. Allein seine Beweise
gründen sich vielfach auf Einzelfälle und
beweisen deshalb nichts; manche seiner aus
dem Heidenthum abgeleiteten Typen wurzeln
in tiefstem christlichen Grunde, so der gute
Hirt ■— nach ihm nichts weiter als ein
Abklatsch des widdertragenden Hermes! —
Die angeblich christliche Gruft aber mit
heidnischen Darstellungen (worunter ein
Wandgemälde, den Raub der Proserpina
darstellend, welches er hauptsächlich für sich
ins Feld führt) hat sich bei näherer Prü-
fung nicht als christlich, vielmehr einem
phrygischen Mischknlt angehörig erwiesen.—
Da stellt doch Kinkel, welcher im allge-
meinen der Unabhängigkeit der altchrist-
lichen Kunst das Wort nicht redet, die
Gesinnung und das Verhalten der ersten
Christen gegenüber dem Heidenthnm viel
richtiger dar. Er schreibt (Gesch. der bild.
Künste 1, 32): „Die Göttermythen,

Bachantinnen und Centauren; die vielen
sehr unzweideutigen Wandgemälde und Ge-
fäßzierden; die mit komischen Masken be-
kleideten Schauspielergruppen; das alles,
was Pompeji in so reicher Fülle aufweist,
sagte der christlichen Sittenlehre nicht zu.
Auch die Bildwerke der Siegelringe, Götter-

köpfe, Heroen, Dichter und Philosophen,
oder auch Becher, Schwert und Bogen
mochte kein Christ als Wappen führen.
Gleichfalls konnte man manches nicht
brauchen, was die Heiden an Leichensteinen
und Sarkophagen auszumeiseln oder in den
Todtengemächern auf den Kalk der Grab-
wand zu malen pflegten. Und so sahen
sich die Christen darauf hingedrängt, neue
Gegenstände ausznsinnen zum Schmuck ihrer
Zimmer, zur Verzierung ihrer Häuser und
Kirchengeräthe, zur Bezeichnung ihrer Grab-
stätten."

Aber zeigen denn die altchristlichen Kunst-
leistungen nicht wesentlich dieselbe Manier
wie die gleichzeitigen heidnischen? Und wie
sollten sie nicht? Es gibt nichts durchaus
neues! Jede Fortentwicklung lehnt sich
naturnothwendig an Früheres an. Die-
selben natürlichen Bedingungen, welche bis-
her die Kunst beherrschten, fuhren fort,
sie zu beherrschen. Geschmacksrichtung,
Knnftübung und andere Gepflogenheiten
blieben dieselben: vor allem aber blieb der
Volksgeist, welcher die neue Religion nicht
ausrottete, wohl aber hob und veredelte.
Und wie er sich unter ihrem segnenden
Strahl hob und veredelte, so mit ihm seine
zarteste Blüte, die Kunst. Wer bewundert
nicht die Umsicht und Schaffenskraft der
jungen Kirche, welche so frühe schon die
bisher fast ausschließlich von heidnischer
Verdorbenheit in Pacht genommene Kunst
der Malerei ihren hehren, hochheiligen
Zwecken dienstbar machte — noch früher
als die Skulptur, deren Ausübung, und
namentlich Ausübung in rein christlichem
Sinne, zur Zeit der Verfolgung selbstver-
ständlich den mannigfachsten Schwierigkeiten
unterlag. — Aber die symbolische Richtung
der christlichen Kunst, war sie nicht wesent-
lich heidnischen Ursprungs? Nichts weniger
als das! Die Kunst zu symbolischen, d. h.
das Uebersinnliche auf sinnenfällige Weise
auszudrücken, ist (mag auch ein Blnnt sich
dagegen wehren) so alt als die Welt. Sie
trieb ihre Blüthen am Tempel von Karnak
so gut wie am Heiligthum von Dodona.
Spencer Northeote irrt, wenn er sagt:
„Zu dem e ig e n th ü m l i ch eu Wesen der
christlichen Kunst gehört es, natürliche
Gegenstände als Verkörperung einer ver-
borgenen geistigen Idee darzustellen." Den
Juden, wie überhaupt den morgenländischen
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