Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

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Völkern lag das Symbolisiren im Blut.
Auch iu Rom war es unter dem zunehmen-
den Einfluß des orientalischen Geistes gang
und gäbe geworden, tiefsinnige Gedanken
durch einfache Geheimzeichen darzustellen.
Was konnte das junge Christenthum, zu-
mal bei dem Mangel aller Mittel zu reiche-
rer Kunstentfaltung, besseres thun? Glich
dann so ein christliches Symbol, wie
z. B. das Pentagramm oder gar das
Kreuzeszeichen selbst, einem heidnischen,
so war das kein Nachteil, sondern ein
Nutzen: es lenkte den Verdacht ab. Das
Pentagramm (siehe d. Art. in Kraus,
Encyklop.), der durch Jneinanderschieben
zweier Dreiecke gebildete Stern, war ein
bei den Heiden beliebtes Zeichen; es war
aber auch, wiewohl selten, bei den Chri-
sten der ersten Jahrhunderte in Gebrauch.
De Rossi fand ein solches neben einem
roh ausgemeiselten Kreuz an einem Kreuz-
weg des Cömeteriums der Prätextatus,
wo es sicherlich als Erkennnungszeichen
für die Fossores diente. Er bemerkt dazu:
„Das sind Geheimzeichen Christi und sei-
nes heilbringenden Kreuzes im Geiste der
ersten drei Jahrhunderte." Auch Didron
führt das Doppeldreieck aus einem griechi-
schen Bild als Nimbus der ersten Person
der Gottheit an. „Dessen Bedeutung",
sagt Kreuser (Kirchenb., I. 39), „ist son-
nenklar. Nach der alten Zeichenschrift
wurden die vier Elemente in einer ver-
schlungenen Figur dargestellt, die unter den
Namen des sechseckigen Sterns bekannt
ist. Dieses Zeichen bedeutet also Den-
jenigen, welcher Feuer, Luft, Wasser und
Erde erschaffen hat." Das einfache gleich-
seitige Dreieck, womit die spätere christliche
Kunst das Haupt der ersten göttlichen
Person umfaßte, hat ebenfalls sein Vor-
bild im grauesten Alterthum. So bezeich-
neten schon die Aegypter durch das Dreieck
die drei erhabensten Wirkungen des gött-
lichen Waltens in der Schöpfung: den
Geist, die Materie und das aus beiden
zusammengesetzte All, wofür als plastischer
Ausdruck die Pyramide galt (Sepp, I. 87).
Hier ist also wirkliche Verwandtschaft des
Christlichen mit dem Heidnischen, aber Ur-
verwandtschaft ! Wie schon bemerkt, hatten
ja auch die Heiden gewisse dunkle Vorstel-
lungen von den drei göttlichen Hypostasen;
daß diesen Vorstellungen auch gewisse bild-

liche Darstellungen entsprachen, ist ganz
natürlich. — Ob das Kreuz, dieses eigenste,
älteste, inhaltsvollste Zeichen des Christen,
in Beziehung zu bringen sei mit dem Hen-
kelkreuz (crux ansata, mißverständlich auch
Nilschlüssel genannt) der Aegypter, mit
der bei asiatischen Völkern beliebten Figur
des Sonnenrads und mit dem sogenannten
Swastika-(Plättchen-) Kreuz der Buddhisten
in Vorder- und Hinterindien, scheint nach
den neuesten Forschungen sehr fraglich
(Kraus, Enc., II. 225). Die Aehnlichkeit
namentlich mit der letzteren Figur ist un-
verkennbar. Aber war diese Aehnlichkeit
rein zufällig — eine „unbeabsichtigte Coin-
cidenz", wie Paley sagen würde — oder
war sie gesucht? Wir wollen es nicht ent-
scheiden. Lassen wir vielmehr dem Leser
zwischen zwei Schlußfolgerungen die Wahl.
Entweder haben die ersten Christen im be-
wußten Anschluß an gewisse kreuzähnliche
Symbole der Heiden das Kreuz zu ihrem
Haupt- und Siegeszeichen erkoren: dann
ist damit bewiesen, daß eine Religion das
Symbol der anderen nachbilden und doch
damit einen ganz entgegengesetzten Sinn
verbinden kann, — denn das Kreuz ist
und bleibt doch das Zeichen des Sieges
über das Heidenthum; oder das christliche
Kreuz hat mit den kreuzähnlichen Sym-
bolen der Heiden gar nichts zu thnn (diese
sollen vielmehr mit astrologischen Vorstel-
lungen Zusammenhängen): dann ist damit
bewiesen, daß die Symbole zweier verschie-
dener Religionen äußerlich sich ähnlich und
doch innerlich durchaus von einander ver-
schieden sein können. Im einen wie im
anderen Falle erhellt, wie verkehrt es ist,
zwei so entgegengesetzte Systeme wie Poly-
theismus und Christenthum, einiger bloß
äußerlicher Aehnlichkeiten wegen, über Einen
Leisten zu schlagen! — Aber warum gieng
denn das Urchristenthnm selbst mit der
heidnischen Kunst Verbindungen ein? Was
sollen die Meerungeheuer, die Oceanus-
köpse, Seepferdchen, Tritonen, Nereiden
auf christlichen Wandgemälden? — Auch
weisen die ältesten Sarkophage in den
Katakomben durchgängig die gleichen Bild-
werke auf, welche wir auf den heidnischen
aus derselben Zeit finden. (Darauf beruft
man sich eben als Beweis für den Satz,
daß die römischen Katakomben schon dem
1. oder 2. Jahrhundert angehören.) Wie
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