Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

Seite: 31
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Deminutiv-Bezeichnung mir aus der Be-
scheidenheit unb Anspruchslosigkeit des Bitt-
stellers wohl zu erklären, und glanbe sicker,
daß er von Anfang an kein anderes Ziel
hatte, als klein anzufangen und groß auf-
zuhören.

Hier aber muß allerdings zur Vermei-
dung von Mißverständnissen laut ausge-
sprochen und mit Nachdruck betont werden,
daß die zu bauende Kapelle zum aller-
mindesten für 1000—1500 Personen Platz
bieten muß, also sagen wir es unverblümt,
daß der Bau einer geräuinigen
Kirche n o t h w e n d i g i st. Aus der obi-
gen Darstellung der Sachlage geht un-
widersprechlich hervor, daß eine Kapelle,
auch mit großer, auf 2—300, selbst 500
Personen berechneter Anlage, lediglich keine
Hilfe, sondern nur eine neue Verlegenheit
wäre; sie wäre eine steinerne Täuschung,
würde viele aulocken und nur wenige
aufnehmen können, sie würde eine Lö-
sung der Kirchenbaufrage scheinen, aber
nickt sein.

Könnte aber nicht am Ende daran gedacht
werden, jetzt etwa eine Kapelle zu bauen,
welche den Chor einer späteren Kirche bil-
den, oder in einigen Jahren durch An-
bauen zur Kirche erweitert werden könnte?
Wir glauben nicht, daß irgend ein prak-
tisch versirter Mann diesem Projekt das
Wort reden könnte. Einmal würde es
für die Gegenwart weniger als einen Noth-
behelf schaffen, sodann würde es eine
schlechte Geld- und Geschäftsanlage bedeu-
ten, denn selbstverständlich müßte schon
jetzt der g a n z e Baugrund erworben und
dem größeren Theil nach dann Jahre lang
leer liegen gelassen werden; und die Ver-
schleppung des Baues in zwei Perioden
würde die Kosten auch nicht vermindern.

Dagegen führt dieser Punkt nun ans
den nervus rerum. Nur die Bescheiden-
heit der Mittel könnte veranlassen, an
einen Kapellenbau zu denken. Eine Kirche
ist nothwendig; gehört aber der Bau
einer Kirche auch ins Reich des Mög-
lichen? Wird es nach kaum einem Jahr-
zehnt abermals möglich sein, die Kosten
einer Kirche, annähernd so groß als die
Marienkirche, aufzubringen?

Man könnte ja freilich bei diesem drit-
ten Kirchenbau, auch wenn er massiv aus
Stein erstellt würde, größte Einfachheit

anstreben, durch Unterlassung der Wöl-
bung, durch die Wahl des einfachsten Sti-
les die Kosten stark reduziren; aber unter-
allen Umständen sind wohl die Kosten eines
Steinbaues für 1000—1500 Personen,
mit Einrechnung des Bauplatzes, auf circa
200 000 Mark zu veranschlagen. Ist diese
Summe im Lauf weniger Jahre aufzu-
bringen? Ich unterfange mich nicht, diese
Frage zu lösen; aber ich spreche offen
meinen Zweifel an dieser Möglichkeit aus,
obwohl die Erfahrung berechtigt, ans die
Munificenz des Staates, ans die Fürsorge
der kirchlichen Behörde, auf die Freigebig-
keit der Katholiken Stuttgarts und des
Landes große Stücke zu bauen.

Was aber nun? Die Lösung der Frage
kann nicht Jahrzehnte, und kann kein Jahr-
zehnt mehr hinausgeschoben werden. So-
mit wäre allerdings an einen Nothban zu
denken, aber an einen, der ans der Noth
einigermaßen heraushilft, d. h. vor allem
großen Raum schafft. Die Wege, welche
wir zu gehen haben, sind uns durch das
Beispiel der Protestanten in Stuttgart klar
vorgezeichnet. In eben der Gegend, auf
welche unser Bedürfniß zunächst hinweist,
beim Neckarthor, steht schon seit langer
Zeit die sog. Wanderkirche, ein äußerlich
anspruchsloser, aber räumlich respektabler
Fachwerk-Bau. Dieser Bau hat ruhig
seine Dienste gethan, indeß die Mittel für
eine weitere massive Kirche in diesem Stadt-
theil angesammelt wurden, und er wird,
wenn diese Kirche gebaut ist, alsbald, wie
wir uns sagen ließen, in einen andern
Stadttheil wandern, um da als Provisorium
dieselben Dienste zu leisten.

Das ist es, was wir in unserer Lage
brauchen und was wir zu leisten vermögen.
Wir müssen an den einfachsten Fachwerk-
bau denken, aber von möglichst großen
Dimensionen, mit dreischiffiger Anlage,
nach außen aller Zieraten baar, innen
aber würdig und nicht allzukarg ausge-
stattet. Ein solcher Bau für 2000 Per-
sonen sollte, die Kosten des Baugrundes
abgerechnet, um 25—30 000 M. wohl zu
erstelleu sein, eine Summe, welche entschie-
den nicht über unsere Kräfte geht. Dazu
kommen nun freilich die Kosten für den
Baugrund, welche sich meiner Berechnung
entziehen, aber dieselben bleiben, ob man
so oder so baue.
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