Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

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ein Zeichen des milden einträchtigen Chri-
stensinnes und Desjenigen, von welchem
jede gute Gabe kommt, des göttlichen
Geistes. Der Phönix bedeutete Unsterb-
lichkeit auf heidnischen wie auf altchrist-
lichen Grabmälern: auf letzteren jedoch
konkret die durch Christus gewährleistete
Unsterblichkeit und ewige Glückseligkeit.
Das Schiff, dem römischen Bürger von
jeher ein Wahrzeichen der Stadt und des
Staates (daher das Horazische: O uavis
rekerent in mare te novi fluctus!): dem
gläubigen Beschauer rief es jene Arche
ins Gedächtniß, welche das Sinnbild der
Stadt Gottes ist. Die internationalen
Symbole Kranz und Palme: für den
Christen verklärten sie sich zur unverwelk-
licheu Siegeskrone. So war so manches
weltliche Zeichen in ein christlich-erbauliches
Sinnbild verwandelt worden. — Aber die
Dioskuren, aber das Mednsenhanpt, der
Granatapfel Persephonens, des Bachus
Steinbock, Panther, Maske, Handpanken:
wie mochten diese sich auf christliche Sarko-
phage und Wandgemälde verirren? Sind
diese auch — bloß menschlich? — Auch
sie hatten (abgesehen von ihrer Rolle in
der Göttersage und im Gottesdienste der
Heiden) einen allgemein menschlichen Sinn
und wurden in diesem von allen Gebilde-
ten damaliger Zeit verstanden. Die Dios-
knren versinnbildeten die verschiedenen Le-
bensalter; das Mednsenhanpt den Todes-
schrecken; der Granatapfel, wie auch der
Mohn, den Todesschlaf; die Figuren aus
dem bachischeu Kreise das Absterbeu und
Wiederaufblühen der Natur (Kraus, Eue.,
II. 464). Uebrigeus wiegen diese Dar-
stellungen wegen ihres sehr seltenen Vor-
kommens nicht schwer. Häufiger findet sich
ans den Wandgemälden und Sarkophagen
der Katakomben der wundervolle Mythus
von Eros und Psyche dargestellt. Allein
derselbe ist mehr christlich als heidnisch,
wie er denn erst in spätheidnischer Zeit
unter dem Einfluß christlicher Ideen ent-
stand. Christlich in ihm ist der Gedanke,
daß die Psyche durch die Prüfungen die-
ses Erdenlebens sich zum Besitz des himm-
lischen Eros durchringt. ■— Eigentlich christ-
lich kirchliches Bürgerrecht aber gewann
aus der ganzen heidnischen Mnsterkarte
nur Eine Figur — allerdings der edelsten
eine — Orpheus, wie er durch sein Spiel

zahme und wilde.Thiere, Bäume und Fel-
sen bezaubert. Wer ist nicht erstaunt,
wenn er z. B. auf einem Deckengemälde
aus dem 2. Jahrhundert im Cömeterium
der hl. Domitilla inmitten einer ausgewählt
biblischen Gesellschaft als Hauptfigur den
thrakischen Sänger erblickt! Allein abge-
sehen davon, daß alte Kirchenväter in ihm
gern einen Sänger des wahren Gottes
und des verheißenen Erlösers sahen, er
also (gleich den Sibyllen) eine Art Aus-
nahmestellung einnimmt — es fällt näm-
lich dies deswegen nicht ins Gewicht, weil
dieser Gedanke eben aus den alten Bild-
werken geschöpft sein kann —, war die
wunderkräftige Orphische Leier ein treffen-
des Bild für die herzergreifende, Sünder
erschütternde, Wilde bezähmende Macht der
Lehre und Gnade Jesu Christi. Weit ent-
ferut also, aus dem häufigen Vorkommen
des Orpheus-Bildes ans altchristlichen Denk-
mälern (vielleicht läßt der berühmte Rott-
weiler Orpheus auch eine christliche Deu-
tung zu!) wieder einmal die gänzliche Ab-
hängigkeit der christlichen Kunst vom Hei-
denthum herauslesen zu wollen, begrüßen
wir vielmehr mit De Waal in dem mytho-
logischen Sänger „einen der anziehendsten
Beweise dafür, wie tief und weit die from-
men alten Künstler die christliche Idee er-
saßt und wie sinnig sie derselben Ausdruck
zu geben versucht haben" (Kraus, Encykl.
II. 562). —- Alle übrigen Bilder der
Katakomben in Farbe sowohl als Stein
(und man kennt ja den Kreis derselben
genau) sind auf biblischem Grund erwachsene
freie Schöpfungen christlichen Geistes. Sie
haben mit Vorliebe Befreiung aus Todes-
uoth, göttlichen Schutz iu Gefahren und
die Lehre von der Auferstehung zum Gegen-
staud: so Noe, Jonas, Isaaks Opferung,
Daniel in der Löwengrnbe, die Jünglinge
im Fenerofen, die Auferweckung des La-
zarus und — das Lieblingsbild unserer
Väter im Glauben nicht zu vergessen —
das Bild vom guten Hirten. Mit dem
Heidenthum haben diese Darstellungen nicht
mehr zu thnn, als daß der Fisch in der
Geschichte des Jonas als ein ungeheurer
Drache dargestellt ist, so wie die heidnischen
Bildhauer den Drachen in der Fabel der
Andromeda abbildeten — worauf er übri-
gens um so mehr ein Recht hat, als die
Väter diesen Fisch als Symbol der alten
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