Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

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der scheidenden Hohlkehlen anslöst, wovon
Fig. 124 und 125 zwei höchst anmutige
Muster darstelleu. Noch nach einer an-
deren Richtung hin wurden im romanischen
Stil die Fenster ausgebildet, indem man
sie zu zweien oder m e h r e r e n in der
mannigfaltigsten Weise n eben ein an-
derste llte. Fig. 126 gibt ein, übrigens
schon der Zeit des Uebergangs in die Go-
thik angehöriges Thurmfenster, bei dem
die große Oesfnung durch ein mittleres
Doppelsäulchen in zwei kleinere Fenster
getheilt erscheint, die unter einem gemein-
samen Mauerbogen stehen — eine für
Thurmfenster sehr beliebte Anordnung.
Das große Bogenfeld ist dann wieder von
einer kleinen runden Oeffnung durchbrochen.
So stehen oft drei und noch mehr Fenster
nach Art einer Säulenstellung nebenein-
ander, zuweilen unter gemeinsamen Mauer-
bögen (Blenden), zuweilen ohne solche, zu-
weilen in verschiedene kleinere Gruppen
abgetheilt. Namentlich wo es gilt, bei ver-
hältnißmäßig niedrigen Mauern viel Licht
in das Innere zu bringen, sind diese Fen-
stergruppen sehr am Platze und fast immer
sind sie von sehr lebendiger und anmutiger
Wirkung. Oft wurde auch bei drei Fen-
stern das mittlere bedeutend höher hinauf-
gezogen, oder bei sünfen eine dem um-
schließenden Bogen sich anpassende Ab-
stufung bewirkt. Dies geschah namentlich
gern unter großen Gewölben in der Zeit
des Uebergangsstiles.

Ein sehr bemerkenswertes Beispiel der
letzteren Art aus der Uebergaugszeit geben
wir in Fig. 127 a, welche die äußere und
127 b, welche die innere Seite eines Fen-
sters im obern Langschiff des Münsters
zu Bonn zeigt.

(Fortsetzung folgt.)

lieber Ableitungen von Christlichem
aus dem lheidenthum.

Bon Stadtpfarrer E. Keppler in Cannstatt.
(Schluß.)

Und ein so eigenartiges, an Keimen zu-
künftiger Entwickelung reiches Kultgebäude
könnte als bloßer Abklatsch einer Markt-
halle verstanden werden? Nie und nimmer!
Sapientia aedificavit sibi domum (Prov.
9, 1.) Die Idee hat sich das Haus ge-

baut. Es war die Eigenart des christ-
lichen Kultus, dieses geistigsten von allen;
es waren die Bedürfnisse der christlichen
Gemeinde: sie bestimmten die Grundlinien
des neuen Baues, s i e bedingten die Raum-
Verteilung. Ein großer geschlossener Raum
für den gemeinsamen Gottesdienst; eine
Mehrzahl von Schiffen für Trennung der
Geschlechter und Stände; ein sicherer er-
höhter Ort für Darbringung des hl. Opfers;
gesonderte Plätze für die Büßer: das alles
war im Bedürfnis; begründet und dieses
Bedürfnis; erzeugte mit innerer Notwen-
digkeit und gestaltete die christliche Basilika,
wie sich die Seele den Leib gestaltet.
Jeder Versuch, sich das christliche Gottes-
haus im Ganzen oder im Einzelnen durch
bloß äußerliche Nachahmung entstanden
zu benfen ist darum zum voraus falsch
und verkehrt. Nicht deßwegen haben wir
den erhöhten Altarplatz, weil auch die
Götzenaltäre auf einem Podium standen;
nicht deßwegen haben wir einen Altar-
stein , weil die Heiden ihre Altäre aus
Stein erbauten; nicht deßwegen haben wir
die Chorabsis, weil auch der griechisch-
römische Tempel mitunter in eine concha
auslief; sondern aus inneren Gründen.
Nicht deßwegen haben wir das Weih-
wasser, weil schon die Griechen ein solches
gebrauchten: vielmehr weil wir aus der
Idee der kirchlichen Benediktion heraus
Weihwasser hatten und haben mußten,
waren wir in der Lage, selbst altgriechische
Weihwassergefässe sogar „unversehrt, nur
durch biblische Sprüche eingeweiht in die
christliche Kirche" herüberzunehmen (Pfan-
nenschund a. a. O. S. 27 s.) und deßhalb
mußte natürlich auch das Aspergill dein
griechisch-römischen Perirrhanterium glei-
chen. (Ebend. S. 33). Nicht deßwegen
verdreifachte man das Schiff der Kirche,
weil schon die römische Markthalle diese
Einrichtung hatte — sie hatte sie nämlich
nicht — sondern weil das Bedürfnis
mehrere Schiffe forderte und diese Mehr-
zahl nur durch Säulen herzustellen war,
deshalb waren zwei Säulenreihen ein inte-
grierender Bestandteil des christlichen
Basilikenbaus und deshalb konnten sogar
Säulen von heidnischen Profan- und
Tempelbauten in jenen eingefügt werden.
Nicht deshalb endlich hatte die älteste
christliche Basilika ein Atrium, weil schon
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