Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

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der Tempel der Heiden ein solches auf-
wies, sondern: weil die Idee der Heilig-
keit deS Ortes die Rückwärtsstellung der
Büßer gebot, darum lag die Errichtung
einer Vorhalle (wie weiland and) bei dem
jüdischen Tempel) in der Natur der Sache
und mußte sich dieser Teil mit seinen
Schranken und seinem Reinigungsqnell
(piscina, mit dem „ehernen Meer" der
Juden zu vergleichen!) dem Atrium des
griechisch-römischen Tempels ähnlich ge-
stalten. — Darum verlor aber auch die
Basilika mit der Umgestaltung der alten
Bußpraxis ihre Vorhalle. — Es ist also
unbegreiflich, wie Psannenschmid einen
direkten (!) Zusammenhang zwischen Heid-
nischem und Christlichem darin sehen kann,
wenn abgebrochene Füße altgriechischer
Weihwassergesässe sich noch häufig als
Stützen des Altars in griechischen Kapellen
erhalten haben, die auf dem Platze antiker
Heiligthümer stehen (a. a. O. S. 27), als
ob diese Altäre deshalb auf heidnischem
Grunde ständen, weil sie zufällig ans
„heidnischen" Füßen stehen! Da faßt doch
unser Blunt den Begriff des „direkten
Zusammenhangs" viel tiefer, und insoweit
muß man ihm recht geben, wenn auch
weiter nicht! Um nämlich den Katholi-
zismus in direktestem Zusammenhang mit
dem Heidenthum zu zeigen, stellt er ihn
(sogar seinem Wesen und Inhalt nach!)
als Auswuchs — der Götzentempel dar!
Als nach Schluß der Verfolgung die
Christen in den heidnischen Kultstätten sich
heimisch machten, da konnte die Erinnerung
an die Zeremonien, welche hier statt-
gesunden und deren Zeugen sie vielleicht
selbst noch gewesen, da konnten „die Ge-
mälde und Statuen von zu herrlicher
Arbeit, als daß man sie hätte zerstören
sollen, die zahllosen Altäre und Ranch-
pfannen und Dreifüße und Votivgaben
und tausend andere Gegenstände mehr"
nicht ohne Einfluß ans die religiösen An-
sichten und Uebnngen der Eindringlinge
bleiben. Unterjocher der Heidentempel,
wurden sie von ihnen unterjocht und bil-
deten sich unmerklich nad) ihnen um.
(„Was Wunder also, wenn die jetzigen
Orte gottesdienstlicher Verehrung so viele
auffallende Züge der Ähnlichkeit mit
denen aus heidnischer Zeit an sich tragen!"
Blunt S. 79). Aber das Gegenteil ist

wahr! Die Christen bildeten einige wenige
heidnische Stätten •— denn es handelt sich
nur um vereinzelte Fälle — nach ihren
Ideen um. Weit entfernt, dem heidnischen
Geiste, welchen sie doch 3 Jahrhunderte
lang bis ans's Blut bekämpft, sich ge-
fangen zu geben, merzten sie alles eigent-
lich Heidnische -— aber Altäre und Ranch-
pfannen, Dreifüße und Votivgaben sind
eben nichts eigentlich Heidnisches! (wären
sie es, fänden wir sie nicht im Salomo-
nischen Tempel, in der Stiftshütte, ja schon
am Anfang der Menschengeschichte!) —
sorgsam ans und durchtränkten die weni-
gen für ihre Religion tauglichen und darum
in deren Dienst herübergenommenen heid-
nischen Stätten so sehr mit christlichem
Geiste, daß, wenn z. B. ein alter Römer,
von den Todten zurückgekehrt, in das
christianisierte Pantheon eingetreten wäre
und an der Stelle des Donnerers das Kreuz
mit dem sanftesten Schlachtopfer; anstatt
der wollüstigen Venus die makellose
Jungfrau; den verzeihenden Stephanus
als Ersatz für den rächenden Kriegsgott
erblickt haben würde, er sogleich den Ein-
druck einer von der jeinigen himmelweit
verschiedenen Religion gewonnen hätte —
während derselbe in dem größten prote-
stantischen Tempel (St. Paul in London)
mit seinen Denkmälern menschlicheil Stolzes
samt deren unvermeidlichem Zubehör von
Flußgöttern und Siegesgöttinnen noth-
wendig aus den Gedanken kommen müßte,
es sei noch alles beim alten. (Vgl. Wise-
man Abh. I. 230). Hic Rhodus, hic
salta! Da hätte Blunt Heidenthum riecheil
sollen. Aber er sieht nur den Splitter
in seines Bruders Auge, den Balken in
seinem eigenen Auge sieht er ilicht!

Also von dein Einfluß des Heiden-
tempels blieb der christliche Gottesdienst
frei. Umgekehrt wuchs ans dem Wesen
des christlicheil Gottesdienstes das christ-
liche Gotteshaus hervor. Beweis schon
die Katakomben. Finden sich ilicht schon
dort keimartige Anfänge dessen, was später
sich am Lichte der Sonne so fröhlich ent-
faltete? Finden sich nicht schon dort, so-
weit es die Enge des Raumes erlaubt,
gewisse Eigentümlichkeiten der altchristlichen
Basilika vorgebildet, wie: getrennte Räume
für beide Geschlechter, distiilgnirter Platz
für den Klerus, erhöhte Stellung des
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