Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

Seite: 43
DOI Heft: 10.11588/diglit.15863.22
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15863.24
DOI Seite: 10.11588/diglit.15863#0047
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1887/0047
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
43

ähnliche Ausgeburten der heidnischen My-
thologie erkennen, welche ihrerseits an die
Pterodaktyli und Jchthvosauri der Vorzeit
anschließen. Er wird endlich seine Beob-
achtungen zusanunenfassen in den Satz:
Der christliche Tempel ist wie der heidnische
(und, fügen wir bei, auch wie der Salo-
monische, vgl. Sepp III. 192) eine Ab-
bildung des Weltalls! — Doch nein!
fürchten wir nicht, daß Blunt diese unsere
Erwartungen erfülle, so berechtigt sie sein
mögen! Allem nur irgendwie Begründeten
geht er ängstlich aus dem Weg, mu uns
dafür die kindischesten Parallelen aufzu-
tischen. Wahrlich mit Unrecht bezweifelt
er, ob „der Genuß seines Büchleins dem
Leser ebenso großes Vergnügen machen
werde, als dem Verfasser das Nieder-
schreiben desselben gewährt habe!" Man
höre und staune! „Wie ehedem viele
Tempel einer und derselben Gottheit unter
verschiedenen Benennungen geweiht waren,
so gibt es nun viele Kirchen, die einem
und demselben Heiligen oder der Madonna
gewidmet und nur durch einen Beinamen
unterschieden sind. So war im alten Rom
ein Tempel der Venus Calva, V. Verti-
cordia, V. Capitolina und so finden wir
im heutigen Rom eine Kirche Sa. Maria
degli Angeli, di Araceli, della Consolazione
u. s. f. Die heidnischen Tempel waren
ferner zwei Gottheiten zugleich geweiht
wie dem Castor und Pollux, der Venus
und dem Cupido: aus gleiche Weise (?)
finden sich Kirchen, die dem Skt. Vin-
centius und Anastasius, Jesus uub der
Maria gewidmet sind. Die christlichen
Titel sind oft ein bloßer Abklatsch der
heidnischen. Der Tempel des Romulus
und Remus heißt Cosmo und Damien
(51c!), die nicht bloß Brüder, sondern
Zwillingsbrüder waren. Das alte Tem-
plum Salutis ist heute, wie man annimmt,
durch die Kirche San Vitale ersetzt: ein
wenn nicht bloß eingebildeter Heiliger,
doch wenigstens ein solcher, welcher dem
Namen Salus wenig Gewalt anthat.
Die Thüren der heidnischen Tempel waren
gewöhnlich von Bronze: dasselbe Metall
wird gewöhnlich zu den italienischen Kir-
chenthüren verwendet. Die alten Tempel
hatten ihren Gemäldeschmuck wie die Kir-
chen in diesen Ländern; es ist gewiß, daß
diese Sitte, so allgemein sie auch sein mag,

! von den Heiden entlehnt ist." (S. 92.)
„Auch haben dieselben Umstände, welche den
Bau so vieler Tempel yeranlaßt, auch zur
Errichtung von Kirchen mitgewirkt: viele
waren Gelöbnisse, andere dienten als
Denkmäler wichtiger Ereignisse; endlich
wurden manche zur Aufbewahrung beson-
derer Heiligthümer erbaut . . ." Doch
genug dieser Albernheiten! Wir hätten
gerne den Leser damit verschont, wenn sie
nicht immer und immer wieder in gelehrten
und ungelehrten Schriften auftauchen
würden. Aber sehen Sie denn nicht ein,
gelehrter Doktor, daß nach dem Stamm-
baum, welchen Sie aufstellen, alle Arten
von Gebäuden unter sich und mit den
Tempeln der Heiden stammverwandt wären:
der Salomonische Tempel wie der Stein
Jakobs, die Wiener und Berliner Votiv-
kirche und die Petersburger Sühuekapelle?
Om nimium probat, nihil probat! —-
Zu den über das Ziel hinansschießendeu
und darum nichts beweisenden „Beweisen"
gehört auch folgender: „Was die Cere-
monien des heidnischen Gottesdienstes ganz
besonders auszeichnet war ihr dramatischer
Charakter . . . Die heutigen Italiener-
Haben es in der Dramatisirnng ihrer re-
ligiösen Gebräuche ihren Vorfahren völlig
gleich gethan: folglich . . ." 'Nun wir
kennen schon die Folgerung, welche Herr
Blunt daraus zieht. Er sieht nicht ein,
daß diese Folgerung nur dann Grund
hätte, wenn die Anlage zum Dramatischen
überhaupt und die dramatische Anlage des
Gottesdienstes insbesondere etwas wesent-
lich Heidnisches wäre. — Ueberhaupt ge-
nügen , um derartige Gelehrsamkeit zu
widerlegen, die einfachsten Grundsätze der
Logik, z. B.: Si duo faciunt idem, non
est idem. „Im christlichen wie einst im
heidnischen Rom küßt man die Gegenstände
frommer Verehrung; im christlichen wie
einst im heidnischen Rom pflegt man vor
den Bildstöcken zu singen und einfache Me-
lodien zu spielen; hier wie dort kommen
Prozessionen, Lichter, Kränze, Weihrauch
vor: also ist die Religion hier wie dort
dieselbe". — Geradeso antwortet Wise-
man, wie Macedonieu und Monmouth
dasselbe sind, weil ein Fluß in Mace-
donien und ein Fluß in Monmouth ist!
Deshalb sagt schon der hl. Augustinus:
Habemus quaedam cum gentibus com-
loading ...