Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

Seite: 51
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welche Fiesvle bei der giottesken und sie-
nesischen Schule, ja auch bei der auf-
blüheudeu Renaissance gemacht, so bezieht
sich das lediglich nur auf die Technik und
die äußere Formgebung, nicht auf den Geist
und die geistige Tendenz. Seine Malerei
ist etwas anderes, als die beste Kombi-
nation der Formen und Typen von Flo-
renz und Siena und ihre Verschmelzung
mit Elementen ans der neuen Kunstrich-
tung. Was Geist und Ansfassung, seeli-
schen Ausdruck, sittlich-religiöse Tendenz
seiner Kunst anlangt, so hat Fiesole hierin
nicht Lehrmeister, noch beeinflussende und
maßgebende Vorbilder. In seiner Seele
trägt er das Ideal seiner Kunst, fertig
von Anfang an, so daß man in seinen
Werken kaum ein Früher oder Später
unterscheiden kann; es drückt mit gleicher
Kraft und Deutlichkeit seinem ersten und
letzten Werk sein Siegel auf. Von einem
Suchen und Tasten nach einer festen
Kunstrichtung, von Wandlungen ist bei ihm
nichts zu bemerken. Darin eben zeigt sich
das Geniale an ihm, daß er mit dem ersten
Schritt sich auf seine Bahn stellt, und
Schritt für Schritt weiterwandelt auf die
Höhen, zu welchen diese Bahn führt.
Wohl muß auch er seine Schule in der
Kunst durchmachen; er muß die Technik
erlernen, er muß sich Formen aneignen,
in welchen er sein Ideal in sichtbare Er-
scheinung treten lassen kann; er schöpft
aus den Schätzen der Vorzeit, er lernt
von Giotto, er unterhält sich mit Orcagna,
welchem er durch die Tiefe und Höhe der
Gedanken und Inspirationen sich verwandt
fühlt, er taucht sich in Siencüs frühling-
duftende Kunst, er verschließt auch sein
Auge nicht vor der Natur, vor der Wirk-
lichkeit des Lebens; er wendet es nicht ab
von den Errungenschaften und Fortschrit-
ten der zeitgenössischen Maler, — aber so
klar leuchtet der Stern seines Ideals in
seiner Brust, daß er nie etwas von außen
annimmt, was feinem Ideal nicht ganz
konform ist. Seiner Seele wohnt eine
überaus zarte Feinfühligkeit und Empfind-
samkeit inne, so daß sie jedem verwandten
Klang sich eilig und freudig erschließt,
gegen jeben fremden Ton aber und gegen
den kleinsten Mißton eben so eilig und
unwillkürlich sich verschließt.

Suchen wir etwas tiefer in die Geheim-

nisse dieser Künstlerseele einzndringen. In
ihr glänzt einmal in dem Sinn ein Ideal
der Kunst im hellsten und klarsten Scheine,
als er von Anfang an das Wesen,
den Beruf, Ziel und Zweck der
kirchlichen Kunst mit völliger Klarheit
erkennt und durchschaut. Jedes seiner Bil-
der ist Andachtsbild im strengsten und
weihevollsten Sinne des Wortes. So scharf
und rein, wie er für die Regel und in
allen seinen Bildern, haben andere Meister
das eine- oder anderemal, in diesem und
jenem ihrer Werke den Begriff der religiö-
sen Kunst erfaßt, den Andachtscharakter
erreicht. Ihm ist die kirchliche Kunst eine
Priesterin, mit dem priesterlichen Beruf,
Gott den Weihrauch der Anbetung, den
Gläubigen die Gabe der heiligen Belehrung
und Erbauung zu spenden.

(Fortsetzung folgt.)

Anton v. Gegenbanr

und die A u s st e l l n n g seiner Werke
z n W äugen i m A l l g ä u.

Von Kaplan Brinzinger.

(Schluß.)

II. Die Gegenbanr-Ausstellung
in Wangen.

Den eifrigen Bemühungen des Festkomi-
tees in Wangen war es gelungen, sowohl
durch die wohlwollende Huld und Gnade
Sr. Majestät des Königs Karl, als auch
durch das freundliche Entgegenkommen der
Kgl. Kunstschuldirektion und verschiedener
Privatleute, von den zahlreichen, weithin
zerstreuten Werken Gegenbaurs eine ver-
hältnismäßig stattliche Anzahl zu einer
Ausstellung vereinigen zu können. Es
waren daselbst 52 Gemälde, nämlich 16
Portraits, 4 Altarbilder, 5 Madonnen,
13 Farbenskizzen der Fresken des Stutt-
garter Residenzschlosses, 3 Aquarelle der
Jugendzeit, 5 religiöse, 2 Genre-Bilder,
2 Jugend - Oelbilder, 1 mythologisches
Landschaftsbild, sodann über 40 Hand-
zeichnungen des Meisters zu sehen, fer-
ner eine Anzahl Photographieen seiner
Arbeiten. Diese Sammlung hatte zwei
Vorzüge. Einerseits war es hiedurch
möglich, verschiedene dem Einzelnen sonst
weniger zugängliche Schöpfungen des Künst-
lers kennen zu lernen, andrerseits aber
einen Einblick zu erhalten in dessen histo-
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