Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

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itern gerühmt wird. Von Darstellungen
religiösen Inhalts waren fünf Oelgemälde
vorhanden. Das erste Elternpaar (Nr. 14)
nach dem Verluste des Paradieses, 1824
gemalt in Rom, jetzt Eigenthnm Sr. Mas.
des Königs, zeigt uns in einer lieblichen
Familienidylle den Stammvater Adam, links
an ihn sich anschmiegend Eva mit ihren
zwei Kindern, Kain und Abel, rechts eine
Felspartie. Der eine Knabe spielt im
Arme seines Vaters mit Blumen, der an-
dere, sich aufrecht an Adam anlehnend,
hält Blumenzweige in seinen kleinen Hän-
den. Die Färbung der halblebensgroßen,
lieblichen Figuren ist in der weichen Weise
der Jugendschöpfungen Gegenbaurs zart
und fein abgetönt. (Eine Bleistiftskizze
hievon ist im Kupferstichkabinett zu Stutt-
gart). Nr. 23 ist ein Miniatnrbild, im
Besitz von Maler Kopf in Wangen, dar-
stellend das Schweißtuch der Veronika;
die weitgeösfneten Angen des edlen schmerz-
erfüllten Hauptes sind von rührendem
Ausdruck. Ein Oelgemälde (Nr. 17),
Eigenthum der Hospitalpflege Wangen,
1832 gemalt, stellt Jesus dar im Gefäng-
niß, mit Fesseln an eine Säule gebunden.
Das beste religiöse Bild aber ist: „Moses,
Wasser aus dem Felsen schlagend", zwei-
mal vorhanden, Nr. 13 nämlich als Oel-
skizze, Eigenthum der Hospitalpflege Wan-
gen, sodann Nr. 15 in dem großen Ori-
ginalbild, 1825 in Rom ausgeführt, Eigen-
thum Sr. Majestät des Königs Karl (im
Residenzschloß zu Stuttgart).

Die Lebensgeschichte des Moses, des
alttestamentlichen großen Vorbildes Christi,
bildete von Alters her ein bei den Malern
sehr beliebtes Thema der Darstellung, schon
in den Katakomben und den alten Mosaiken
zu Rom und Ravenna. Moses, Wasser
aus dem Felsen schlagend, war ein Vor-
bild der Erscheinung des Erlösers und der
heilsamen Wasser der Gnade, die dem Fel-
sen Christi entspringen, (Jesaia 12, 3 und
1. Korinth. 10, 4); auch als Typus Petri
erscheint Moses nach der Deutung des
Ritters de Rosst öfters in dieser Scene. Aus
altchristlichen Sarkophagen, Broncemedail-
lons, Epitaphien und Cömeterialgemälden
findet man öfters dieses Wunder; meist
ist Moses ganz allein, oder umgeben von
den Juden. Die biblische Begebenheit selbst
wird entweder so dargestellt, daß Moses

mit dem Stabe an den Felsen schlägt, aus
dem sofort ein Quell entspringt, an dem
die Juden ihren Durst löschen, oder das
Wunder wird als bereits geschehen ange-
nommen (vergl. Kraus, Realencyklopädie
christl. Alterthümer 1886, 2, 430). Gegen-
baur wählte die letztere Auffassung. In
der Mitte des großen gegen 30 Figuren
enthaltenden Tableau's steht Moses tu er-
habener Ruhe, den Stab am rechten Arm
angelehnt, die Hände gleichsam wie dank-
sagend ausgestreckt gegen ben links auf-
ragenden Felsen, dem sein Stab schon den
sprudelnden Quell entlockt hat; an seinem
Haupt glänzett zwei Strahlenbündel, der
prächtige wallende Bart ist weiß, der Kopf
zeigt die seingeschnittenett Züge eines ehr-
würdigen würdevollen Patriarchen, das
Untergewand ist grünlich, der Mantel gelb.
Neben Moses steht Aaron, sein Bruder,
mit schneeweißem herabwallendem Bart,
braunem Unterkleid, grünem Mantel und
grünem orientalischem Turban, das ge-
schehene Wunder anstannend. Vor und
hinter diesen zwei Hauptpersonen des Ge-
mäldes drängen sich die lebhaft beweg-
ten Volksgruppen heran, um den bren-
nenden Durst an der Quelle zu stillen.
Schön dttrchdacht ist die Anordnung der
einzelnen Gruppen der Männer, Frauen,
Jünglinge und Kinder. Die einen sind
int Begriff, den quälenden Durst zu löschen,
einem fast erschöpften Greis wird der er-
quickende Trunk gereicht, andern ist er
schon zu Theil geworden, andere eilen erst
herbei mit zierlichen Gefäßen, die kühlende
Labe zu schöpfen. Die Köpfe der einzel-
nen Figuren sind besonders lieblich gemalt.
In der äußersten Ecke rechts hat Gegen-
banr sich selbst (ähnlich im Fresko Ein-
zug Eberhards itt Tübingen) als hübschen
Jüngling abkonterfeit. Eine junge Frau
in der äußersten Gruppe rechts in gelbem
Kleid ist bemerkenswerth wegen des be-
wunderungswürdig prächtigen Faltenwurfs
ihres Gewandes, dessen Schönheit uns an
die wallenden herrlichen Gewänder von
Rafaels Fresko „des Brandes im Borgo"
im Vatikan erinnert hat. Der zur An-
mut und Grazie hinneigende Sinn Gegen-
baurs dringt aber weder in der Kompo-
sition noch im Kolorit oder Halbdunkel
dieses Mosesbildes zu den stärksten, kräf-
tigsten Gegensätzen oder scharfen Accenten
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