Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

Seite: 60
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servanz eiferte, den Werth der hl. Kunst
so gut zu würdigen unb auszunützen ver-
stand, oder ob, was das wahrscheinlichste
ist, beide hierin in ihren Anschauungen
zusammentrafen.

So darf man ihn unbedingt jenen Künst-
ler nennen, der Aufgabe und Wesen der
kirchlichen Kunst am tiefsten erfaßte. Aber
er wußte auch mit größter Sicherheit und
spielender Leichtigkeit die Mittel zu finden
und anzuwenden, durch welche diese Auf-
gabe am füglichsteu erreicht wird. Es ist
bewundernswerth, mit welch feinem Takt
er sich an die einzelnen Themate der kirch-
lichen Kunst macht und seine Kompositio-
nen bis hinaus auf die einzelnen Linien
der Art des Thema's, der Stimmung und
Bedeutung der einzelnen hl. Seene anzu-
passen, dem anzustrebenden Eindruck dienst-
bar zu machen versteht.

Dieser zweite große Vorzug, welchem
feine Bilder ihre feine Harmonie, ihren
geistigen Gehalt, ihre psychologische Tiefe
und Kraft verdanken, fließt ans verwandter
Quelle. Wie ihm das geistige Leben der
See ist, in welchen die Gewässer seiner
Kunst einfließen und einmünden, so auch
wieder der See, aus welchem die Kanäle
feiner Kunst sich füllen. Seine Knnstübnng
stellt demgemäß einen heiligen Kreislauf
dar; sie sucht Einfluß auf die Seele zu
gewinnen, aber sie weiß, daß ihr das nur
möglich ist, wenn ihre Gebilde und Schö-
pfungen reiner und lauterer Ausfluß
der Seele sind.

So kommt die Kunst in noch viel engere
Beziehung zu seinem inneren Leben. Mehr
als bei anderen Künstlern und in tieferem
Sinne kommt bei ihm die Aufgabe der
Komposition vor allem der Seele zu;
die Meditation schafft ihm z u -
nächst in der Seele drinnen die
Bilder, welche er malt. Geistliches
Leben und künstlerisches Schaffen fließen bei
ihm in einander. Mit der von Natur ihm
eigenen, durch das Klosterleben vertieften
Innerlichkeit versenkt er sich in die Be-
trachtung der hl. Vorgänge und Geheim-
nisse. Diese Betrachtung schafft der Seele
eine Welt neben und über der, in welcher
sie lebt, eine Welt voll hl. Erfahrungen,
Erlebnisse und Gesichte. Die Bilder dieser
Welt stehen vor dem geistigen Auge, kaum
weniger klar und bestimmt, kaum weniger

scharf in den Umrissen, als die Bilder der
Wirklichkeit vor dem leiblichen. Hier, auf
dem Boden der Seele erwachsen durch die
künstlerische Gestaltungskraft der Medita-
tion die hl. Kompositionen; der spezifisch
artistischen Phantasie und Erfindung bleibt
nicht viel mehr zu thnn übrig, als daß sie
diese inneren Visionen fipirt und in Linien,
Formen und Farben bannt. So entstanden
Fiesole's Bilder, und so begreift sich nun,
daß diese Bilder den hl. Objekten immer
so durchaus adäquat sind; es begreift sich,
daß sie vom Geist der Andacht, vom Oel
der Frömmigkeit so ganz durchtränkt sind;
sie sind nichts anderes, als objektivirte,
versichtbarte Betrachtungen, gemalte Gebete.
Es begreift sich, daß ihnen solch originelle
Lebensfrische, ein solch kräftiger Hauch der
Unmittelbarkeit und Naturwahrheit inne-
wohnt; sie sind die direkten klaren Spiegelun-
gen dessen, was in tiefster Seele vorgeht. Wir
verstehen es auch, daß Fiesole, wie Vasari
meldet, „nie etwas, was er gemalt hatte,
verbesserte oder überarbeitete, sondern es
stehen ließ, wie es das erstemal geworden
war, weil er meinte, so habe es Gott ge-
wollt" ; das war kein Fatalismus noch
Selbstgenügsamkeit, sondern das sichere
Gefühl und Bewußtsein, daß er aus tief-
ster Seele geschöpft, daß er das beste ge-
geben habe, was seine Seele aus der Ver-
einigung mit Gott und ans der Versenkung
in die hl. Geheimnisse heraus zu bieten
vermochte.

Daß in solchem Sinne seine Bilder ge-
malte Meditationen sind, läßt sich an sei-
nen Zellengemälden am besten Nachweisen,
in welchen er sichtlich so recht vom Herzen
weg malt. Diese Bilder, mit der rasche-
sten und einfachsten Technik mehr ange-
schrieben als angemalt, sind warm aus sei-
nem Innern geflossen, sind Offenbarungen
einer in Gott versunkenen Seele. Das
deutet er in einem ihm eigenthümlichen Zug
noch besonders an. Gewöhnlich gibt er
seinen Bildern ans dem Leben Jesu und
Mariens eine Heiligengestalt bei, mit Vor-
liebe St. Dominikus, seinen Ordensvater,
bei der Passion die Madonna, bei andern
Seenen solche Heilige, die zunächst histo-
risch mit dem Vorgang nichts zu thnn
haben; diese Nebenfiguren nehmen sinnend,
betend, oder in einem Buch lesend am Vor-
gang Antheil. Damit erklärt es der Ma-
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