Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

Seite: 62
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näher besprechen, in welchen seine Eigenart
und seine Künstlerkraft am besten sich offen-
bart, und in welchen vor allein er der
Nachahmung empfohlen werden kann.

Fiesole's Passionsbilder.

Den Einzug Jesu in Jerusalem,
das Einleitungsbild des Passionscyklus,
erzählt eine Tafel von den Silberschränken
von Maria Novella, jetzt in den Uffizien
in Florenz, mit rührender und ergreifender
Einfachheit. Voraus zieht das fromme
Volk singend und jubelnd; zwei bleiben
am Wege stehen und sind mit ihrem Blick
völlig an das hoheitsvolle, schmerzlich-
ernste Antlitz Jesu gebannt, einer breitet
eben vor den Füßen der Eselin sein Ge-
wand aus, ehrfürchtig in seiner gebückten
Stellung von unten zu Jesus ausschauend,
die Bitte im Auge, er möge diesen Dienst
gnädig hinnehmen; hinter dem Herrn zieht
die Schaar der Apostel einher aus dem
blumenbestreuten Boden, Johannes und
Petrus an der Spitze. Man könnte den
Hergang nicht wohl einfacher, aber auch
nicht wohl eindrucksvoller erzählen und die
jubelnd - wehmütige Stimmung desselben
kaum besser treffen.

Wie dem Meister eine Quelle eigener
Inspiration floß, welche ihn bei aller De-
mut und Bescheidenheit manchmal ganz ab-
gehen heißt von der bisherigen traditio-
nellen Darstellungsweise gewisser Themate,
beweist sein Abendmahlsbild iu einer
Zelle von San Marco. In einem nicht
großen Gemach ist ein langer und ein kür-
zerer Tisch so aneinander gestoßen, daß sie
in der Ecke des Zimmers einen Winkel
bilden. Hinter dieser Tafel stehen acht
Jünger; der Platz des Herrn neben Jo-
hannes ist sreigelassen. Im Vordergrund
kniet links Maria, rechts eine Gruppe von
vier Aposteln. Der Heiland aber ist eben
daran, indem er an der Vorderseite des
Tisches hingeht, über den Tisch hinüber
jenen stehenden Jüngern die hl. Kommu-
nion zu reichen, welche die Mutter bereits
empfangen hat. Es ist bezeichnend für
Fiesole, daß er eben diesen Moment aus
dem letzten Abendmahl herausgreist und
nicht, wie die Kunst vor ihm fast aus-
nahmslos, die der Vorhersagung des Ver-
raths. Für sein Gemüt wie für die Be-
stimmung des Bildes, die tägliche Andachts-

quelle einer gottliebenden Seele zu sein,
empfahl sich diese Wahl. Er läßt nun
aber den Heiland geradezu den Ritus der
Kirche nachahmen und die hl. Kommunion
austheilen, wie der Priester in der Kirche
es thut. Deutlicher kann er es nicht sagen,
daß das hl. Mahl, welches wir heute noch
genießen und welches vor allem die täg-
liche Nahrung des Ordensmannes bildet,
von Jesus selbst eingesetzt und von den
Aposteln erstmals genossen wurde. In der
Formensprache der Kunst konnte die Identi-
tät des heutigen Mahles der Kirche mit
dem von Jesus an jenem Abend gestifte-
ten nicht kräftiger ausgesprochen werden,
als indem der Maler das letztere ganz in
die Formen des ersteren kleidete. Der
Maler gibt aber auch noch einen ergreifenden
Unterricht über die Vorbereitung und Dank-
sagung, und über die Beseligung und Ver-
klärung, welche sich in diesem Mahle über
die Seele ergießt. Die, welche eben das
hl. Mahl empfangen sollen, spiegeln auf
ihrem Antlitz die Affekte, welche die Seele
zum Genüsse der Himmelsspeise vorbereiten:
Glaube, Demut, Ehrfurcht, Hingebung.
Die, welche den kostbaren Schatz bereits
im Herzen tragen, verrathen ihr Glück
durch die ungetrübte, dankbare Freude,
durch die still in sich versunkene, in Gott
verlorene Seligkeit, die aus ihren Zügen
leuchtet. Der erste in der Reihe, der voll
sprachlosen Staunens dasitzt, scheint mit der
erhobenen Hand zu sagen: wie wunderbar
und unbegreiflich groß ist doch diese Gnade!
wie kann so himmlisches Glück in dieses
arme Leben hereinfließen! Maria macht
knieend ihre §ratiarum actio; keine Be-
wegung zieht durch ihre Gestalt; die Ruhe
der Ewigkeit ist über sie gekommen.

Bei näherer Betrachtung findet man aller-
dings, daß das Bild, welches im klebrigen
die bei Fiesole übliche Harmonie der Linien,
Formen und Affekte zeigt, mit einem gerade
die Hauptperson treffenden starken Zeich-
nungsfehler behaftet ist. Jesus ist viel
zu weit vom Tisch entfernt, als daß er,
wie der Maler will, über den Tisch hin-
über dem Johannes die Kommunion reichen
könnte. Wenn der ziemlich bedeutende
Fehler doch nicht allzu störend hervortritt,
so ist das nur dem zu verdanken, daß die
sonst reine Symphonie den Einen Miß-
klang aufhebt und nnhörbar macht.
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