Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

Seite: 63
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Bemerkenswerth ist noch, daß Fiesole
nach dem Vorgang fast aller Väter und
mit exegetisch zweifellosem Rechte, den Ver-
räther an der Eucharistie theilnehmen läßt.
Man erfährt dies aber nur durch Abzäh-
lung der Apostel; denn der Maler hat
den Verräther nicht näher charakterisirt.
Er ist jedenfalls zu suchen unter der Gruppe,
die am Boden kniet, und in dem, dessen
Antlitz allein nicht sichtbar, sondern hinter
andern Gestalten verborgen ist, aber auch
den Heiligenschein trägt. Offenbar ab-
sichtlich hat der Meister unterlassen, ihn
deutlicher auszuzeichnen, damit sozusagen
das hl. Mahl nicht gestört werde. Aber
indirekt weist er deutlich genug aus ihn
hin. Einer von den Aposteln, welche der
Gruppe zunächst stehen, schaut mit der
Miene tiefsten Bedauerns, wehmütigsten
Seelenschmerzes auf die Gestalt nieder,
deren Antlitz wir nicht sehen; sein Blick
sagt uns: er islls, da kniet er, der un-
glückselige Verräther. Aber warum trägt
er den Heiligenschein? Offenbar weil er
annoch zum Kreis der Apostel gehört.

Unter den Tafeln, welche einst die Sil-
berschränke von Maria Novella schmückten,
sindet sich auch eine Darstellung des Abend-
mahls mit ähnlichem Grundmotiv, wie die
eben beschriebene; diese wird sicher Fiesole
zuzuschreiben sein, während man bei den
dazu gehörigen Tafeln, auf welchen die
Fußwaschung und der Moment der Vor-
hersagung des Verraths abgebildet ist, über
die Urheberschaft zweifelhaft sein kann.
Judas hat auf diesem zweiten Bild eben-
falls den Heiligenschein, ist aber dadurch
von den klebrigen unterschieden, daß er
hinter ihnen kniet. Maria fehlt hier.

(Fortsetzung folgt.)

Mariä Heimsuchung in der christ-
lichen Runst.

Von Pfarrer Detzel in Eisenharz.

Maria ist durch den Engel von dem Glücke,
das ihrer Base Elisabeth zu Theil geworden,
benachrichtigt worden, und diese Nachricht,
besonders wie sie so bestimmt aus den letz-
ten Worten des himmlischen Boten heraus-
klingt, war für sie ein Wink, daß sie, „in
diesen Tagen", — wenn also auch nicht so-
gleich nach dem Verschwinden des Engels —
aufbrach, um ihre Base Elisabeth zu besuchen
und eine zarte Pflicht der Verwandtschaft

xutb Liebe zu erfüllen. „Sie machte sich auf
in jenen Tagen und reiste in das Gebirge
mit Eile in eine Stadt von Juda." (Luk.
1, 39.) Wir folgen ihr im Geiste und sehen,
wie sie ohne Müdigkeit die Berge übersteigt
und voraneilt, ohne Ruhe nöthig zu haben;
wir sehen, „wie unter ihren Füßen gleichsam
die Gräser lachten, die Blumen hervorkeimten
und die Berge und Hügel frohlockten". Ein
überaus zartes und liebliches Bild, das in
neuerer Zeit der Wiener Altmeister Führich
nicht bloß mit der Feder, sondern auch mit
dem Pinsel in seinem „Gange Mariens über
das Gebirge", 1841 für die Belvedere-
Galerie gemalt, so wundervoll schön zu zeich-
nen wußte. Er hat hier genialt, was er
später geschrieben: „Als der Fuß der Ge-
benedeiten durch Feld und Haine und Gebirge
wandelte, ward die Natur von der Gnade
berührt; ihre erstorbenen Züge belebten sich
mit neuem Lebeu unter dem Strahle unbe-
dingter, gänzlich unentweihter Schönheit."*)
Es ist allerdings selten, daß die Maler die-
sen Zug darstellen; wir finden fast immer das
Ende dieser Reise der hl. Jungfrau, näm-
lich ihre Begegnung mit der hl. Elisabeth
vor dem Hause der letzteren geschildert. Das
Bild tritt uns dann nicht nur als eine
historische Erscheinung aus dem Leben
der Mutter Gottes, sondern auch als ein
Mysterium der Liebe, als Typus aller hei-
ligen Freundschaften entgegen.

Als die älteste* 2) Darstellung von Mariä
Heimsuchung will man eine Skulptur auf
einem Sarkophage zu R a v e n n a 3) aus dem
Anfänge des 5. Jahrhunderts erkennen, wo
man zwischen zwei Bäumen zwei Personen
ans einander zugehen sieht, um sich die rechte
Hand zu reichen. Die Bilder sind aber lei-
der mehr oder weniger zerstört. Die Klei-
dung ist bei beiden die gleiche: faltenreiche
Untergewänder und Mäntel. Mit der linken
Hand nehmen beide das Gewand herauf.
Die Bewegung der beiden Figuren ist eben-
falls sehr ähnlich, doch thut sich die Bewegung
der rechts befindlichen durch etwas mehr Leb-
haftigkeit hervor. Sie scheint anzukommen,
während die links befindliche entgegenkommt.
Die erste Vorstellung, die wir beim Anblick
dieses Bildes uns machen, ist die von Mariä
Heimsuchung; jedenfalls liegt der Gedanke
an diese nach der Zeichnung von Garrucci

*) Führich, Von der Kunst. Wien. 4. Heft. (5.35.

2) Ob der geschnittene Stein auf der National-
bibliothek zu Paris, der sogar schon vor dem
Jahre 340 entstanden sein soll, eine „Heimsuchung
Mariä" enthält, scheint uns nach der vorliegen-
den Zeichnung bei Lehner (Marienverehrung Ta-
fel VII. 84) doch zweifelhaft zu sein.

3) Garrucci, tav. 3442.
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