Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

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näher, als die Annahme des letzteren, daß
die Person links eine männliche sei und da-
her das Bild wobl die Vermählung der hl.
Jungfrau mit Joseph darstellen wolle. Im
7. und 8. Jahrhundert mehren sich die Bei-
spiele, doch sind sie immerhin noch nicht sehr
zahlreich./ Wir finden da die beiden hl.
Frauen fast immer allein dargestellt, ohne
daß noch andere Personen beigegeben wären;
sie sind gewöhnlich in einer lebhaften, aber im-
mer einförmigen Umarmung begriffen. So noch
im Codex Egberti (Taf. X). Die Begeg-
nung geht hier vor dem Castellum (civitas
Juda, Luk. 1, 39) vor sich, wo die beiden
Frauen sich umarmen und küssen; beide haben
den Nimbus; der Mantel der hl. Jungfrau
ist violett, der der hl. Elisabeth grün. Die
Darstellung ist eben so einfach als feierlich,
ungemein innig und würdig. Ganz ähnlich
ist die Heimsuchung Mariens an der Fayade
von St. Zeno zu Verona: wir sehen
hier ebenfalls nur die beiden hl. Frauen
allein, die sich umarmen. In einfacher Be-
grüßung ohne Umarmung dagegen zeigen sich
die hl. Frauen, aber ebenfalls allein, an dem
schon oben erwähnten achteckigen marmornen
Taufbrnnnen der alten, schon im 8. Jahr-
hundert erwähnten, 1122 erneuten Tauf-
kapelle S. Giovanni in Fonte des Do-
mes zu Verona. Noch älter als diese
Darstellung ist eine roh gearbeitete Heim-
suchung am Altäre in Cividale in
Friaul/) die dem 8. Jahrhundert ange-
hört. Die hl. Frauen umarmen sich; Ma-
ria, größer als Elisabeth, ist auf ihrer Stirne
mit einem Kreuze bezeichnet und hinter ihr
steht ein Lilienstock. Eine einfache Um-
armung zeigt ferner auch das Initial N aus
einer Abschrift des lateinischen Wörterbuchs
»Mater verborum« im Böhmischen Museum
zu Prag-/) endlich hatte die gleiche Art
der Darstellung ein Mosaik in St. Maria
ad Praesep e./

So finden wir den Vorgang ohne Hinzu-
nahme anderer Persönlichkeiten als ein hl.
Mysterium dargestellt bis zum 12. Jahrhun-
dert. Von jetzt an lassen aber die Künstler
die hl. Frauen gleichsam sprechen; so z. B.
auf dem Deckel eines Codex der Pariser
Bibliothek,/ der seinem Stile nach der Schule
von Clugny angehört, machen beide hl. Frauen
mit den Händen Bewegungen, die sie als im

4) Grimouard de St. Laurent, Guide de l’art
ehret, zählt Bd. IV. p. 116 einige Beispiele aus
dem 8.—11. Jahrhundert in Frankreich auf.

6) Garrucei 4242.

6) Abb. bei Bücher, Geschichte der technischen
Künste. Stuttgart 1875, Bd. I. 208.

7) Garrucei, 280 K
s) Garruci, 4582.

Gespräche mit einander begriffen verrathen.
Noch lebhafter ist dieser Verkehr in einer
Skulptur zu Chartres ausgedrückt: hier
zeigt sich Elisabeth glücklich über den Besuch,
den sie erhält, und Maria öffnet ihre Arme
und scheint das »Magnificat« zu beginnen,
während Elisabeth ebenfalls ihre Arme aus-
streckt und zu sagen scheint: „Woher mir das, daß
die Mutter meines Herrn zu mir kommt?" -—

Später nimmt die hl. Elisabeth eine mehr
ehrfurchtsvolle Haltung ein, indem sie
sich vor der aufrecht stehenden hl. Jungfrau
verbeugt, so z. B. ans dem unvergleichlich
einfachen, schönen Fresko Giotto's in der
Capella dell Arena zu Padua. Diese ehr-
furchtsvolle Verbeugung oder Verneigung
steigert sich dann im 15. Jahrhundert zu
einem vollständigen Knieen. Es erscheint
hier Elisabeth in der Nähe des Allerheilig-
sten, d. i. des menschgewordenen Goltes, und
feines makellosen Tabernakels, des reinsten
Herzens Mariä, gleich sehr von Freude wie
von demütiger Ehrerbietung ergriffen. „Wo-
her mir dies, daß die Mutter meines Herrn
zu mir kommt?", dies Wort der hl. Elisa-
beth (Luk. 1, 43) bezeugt, von welcher Ehr-
furcht ihre Seele dnrchschauert war beim Ge-
danken an die Gegenwart des Gottessohnes
und beim Anblick seiner gebenedeiten Mutter.
Darin liegt denn offenbar auch der Grund,
warum die hl. Elisabeth von den Malern
mitunter und zwar mit Recht knieend dar-
gestellt wird. Diese Darstellung zeigt die

Predella des großen Altarbildes aus der
Abteikirche zu Cerreto, jetzt in den Uffi-
zien zu Florenz, das 1413 von Don Lo-
re n z o Monaco für sein Kloster (der Ca-
maldulenser) degli Angeli gemalt wurde;
Elisabeth knieet ehrfurchtsvoll vor der hl.
Jungfrau und wird von dieser in zartester
Weise aufgehoben. In gleich zarter Weise
wird der Gegenstand von Dom. Ghirlan-
dajo (1449—1494) in einem Bilde des
Louvre zu Paris behandelt.

Wir haben gesehen, daß die ältere abend-
ländische Kunst die hl. Frauen gewöhnlich
allein ohne Begleitung oder zuschauende Per-
sonen dargestellt hat. Die griechische Kunst
bringt hierin eine Aenderung, indem sie auch an-
dere Personen, entweder als bloß zuschauend
oder als handelnd, d. i. die hl. Frauen begleitend,
in die Scene einführt. Das Malerhandbuch9)
sagt: „Ein Haus und in demselben die Mut-
ter Gottes und Elisabeth, welche einander
umarmen und auf der andern Seite Joseph
und Zacharias, welche miteinander reden und
vor ihnen ein Kind, welches auf seinem Rücken

ch Schäfer, Handbuch der Malerei vom Berg
Athos, p. 172.
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