Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

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mung sie zugleich mit Ehrfurcht erfüllt, —
wie sie z. B. Schraudolph in fo ausgezeich-
neter Weise im Dome zu Speyer dargestellt
hat, eine Matrone voll Demut und Würde,
— oder noch besser, sie kniet da wie auf
dem Bilde Don Lorenzo's und wird von
der hl. Jungfrau unter Umarmung aufge-
hoben. Am einfachsten und feierlichsten sind
diejenigen Darstellungen der Heimsuchung
Mariens, in denen wir nach den älteren Vor-
bildern die beiden hl. Frauen allein treffen;
nichts mischt sich dann in die Feierlichkeit
dieses Moments des Zusammentreffens, in
welchem Elisabeth die hl. Jungfrau als die
Mutter ihres „Herrn" anerkennt und erklärt.
So in dein herrlichen Bilde des Mariotto
Albertinelli in den Uffizien 3x1 Flo-
renz, einem feiner schönsten Werke ans dem
Jahre 1503. Die Begegnung geschieht hier
vor einer Bogenhalle und nur die ztvei hl.
Frauen sind zu sehen. Elisabeth neigt sich
etwas vor der hl. Jungfrau und bezeugt ihr
so ihre Ehrfurcht. Die christliche Kunst hat
seitdem wenige erhabenere und würdevollere
Bilder der „Mutter des Herrn" geschaffen, als
diese hl. Jungfrau, und auch Elisabeth zeigt
eine so freudige und freundschaftliche Innig-
keit, daß wir beide Gestalten 311 einer herr-
lichen Harmonie der Liebe und innigen hl.
Freundschaft verbunden sehen. Ein zartes,
frommes Bildchen, auf welchem man die bei-
den hl. Frauen ebenfalls allein sieht, ein
Votivbildchen, ist im Berliner Museum
(Nr. 542); es gehört einem niederländischen
Meister um 1460 an. Elisabeth kommt der
rechts stehenden hl. Jungfrau entgegen; beide
Frauen begrüßen sich mit der üblichen Ge-
berde. Links im Vordergründe kniet als
Stifter ein Abt. In der flachen Landschaft
links sieht man die ausgedehnte Abtei, von
einem Graben umgeben, rechts ein Dorf.

Nichts wird bagegeit einzuwenden sein,
wenn als Zeugen der hl. Begegnung Engel
des Himmels beigegeben werden, wie in einer
Heimsuchung von Bernardino Pintu-
ricchio (1454—1513), auf der zu beiden
Seiten zwei Engel mit gekrenzten Armen
betrachtend stehen. Es will offenbar dadnrch
noch deutlicher auf das erhabene himmlische
Geheimniß hingewiesen werden.

„Mariä Heimsuchung" ist schon im Spät-
mittelalter Gegenstand einer indecenten Dar-
stellung gewesen. Verschiedene Künstler ver-
suchten es nämlich, die Worte des hl. Lukas
1, 14 auch bildlich wieder zu geben; „sie
öffneten deswegen, sagt Didron, 10) Gewand
und Schooß der hl. Elisabeth und ließen den
kleinen Johannes im Innern seiner Mutter

10) Schäfer a. a. O. 172 A. 3.

sehen; sie öffneten ebenso das Gewand Ma-
riens und zeigten den kleinen Jesus in ihrem
Schooße, nackt wie den hl. Johannes. Die
beiden Kinder grüßen sich nach ihrer Weise.
Jesus segnet mit der Rechten den hl. Jo-
hannes, der sich fromm neigt." Auch deutsche
Maler haben ähnliche Darstellungen geliefert;
so z. B. sieht man auf dein Rathhause zu
N ö r d l i n g e u eine der oberrheinischen Schule
angehörige „Mariä Heimsuchung", wo die
beiderseitigen Kinder in einem Strahlenglanze
auf die Kleider der beiden hl. Frauen gemalt
sind. Wenn sich Kreuser") „darüber
wundert, daß Einige die Zartheit sogar tadeln,
wie für unschuldige Augen beim Besuche der
Elisabeth der Zustand der Frauen auf dem
Kleide durch das Strahlenkind und den an-
betenden Knaben Johannes dargestellt wird",
so möchten wir doch der Wiederholung sol-
cher Bilder nicht das Wort reden.

Literatur.

Bilder vom Hochaltar in Dracken-
stein. Eine kunsthistorische Studie von
Karl Walch er. Mit 4 Abbildungen in
Lichtdruck. Stuttgart, Kohlhammer, 1887.
4°. 28 S.

Der kunstsinnige und kunstbegeisterte Verfasser
dieser Monographie ist zugleich der glückliche Be-
sitzer der darin beschriebenen altdeutschen Altar-
gemälde. Und zwar ist er deren Besitzer gewor-
den auf die rechtmäßigste und edelste Art, aber
durch schniähliche Schuld anderer: durch den
Rechtstitel des Mitleids und Erbarmens, das ihn
bewog, die armen, mißhandelten, schmählich zur
Kirche hinansgeworfenen, dem Untergang ge-
weihten Kinder der Kunst zu adoptiren und
ihnen im eigenen Hans Heimat und Ehrenplatz
einzuräumen, wo ihr nunmehriger geistiger Vater
täglich aufs liebevollste mit ihnen verkehrt, urid
wo auch uns, wie allen Kunstfreunden, die dar-
nach begehren, eine schöne Stunde weihevoller Un-
terhaltung mit ihnen frcnndlichst gewährt wurde.
Die Kunstgeschichte muß ihm Dank wissen, daß er
in solcher Weise hier den barmherzigen Sama-
ritan gemacht hat, und wir haben allen Grund,
ihm zu danken, daß er nach seinen Kräften eine
schwere Schuld eines katholischen Pfarramts und
einer katholischen Kircheuvcrwaltung sühnte. Nur
unter Erröthen können wir miltheilen, welches
Schicksal, unter den Angen, unter Zulassung, viel-
leicht Gutheißung eines katholischen Pfarrers den
Resten des Hochaltars von Drackenstein bereitet
wurde. Die Predella, deren einstige Zugehörig-
keit zu diesem Altar vom Verf. außer Zweifel
gestellt wird und welche die Brustbilder Christi
und der 12 Apostel in vortrefflicher Ausführung
zeigt, fand sich im Gebrauch von Maurern, welche
sie als Gerüftbrett benutzten! Die Flügel wurden
nach Zerstörung des Hochaltars an einer Wand
der Kirche angebracht; in der zweiten Hälfte

n) Bildnerbuch, Paderborn 1863. 3, 7.
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