Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

Seite: 70
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gewölbe mit Vorliebe angewandt wurden.
Ein Beispiel von Fischblasen haben wir
in Fig. 132. Einigermaßen nehmen auch
die Pfosten an dieser Wandlung Theil. In
allen Perioden sind sie mehr tief als breit
und haben in der Mitte einen Einschnitt,
um die Verglasung auszunehmen. Die
gewöhnlichste Grundform ist ein einfaches
Rechteck, dessen Ecken durch eine einfache
schwache Hohlkehle abgeschrägt sind; da-
neben kommen aber auch schon in früher
Zeit solche mit beiderseits vorgelegten
schlanken Säulchen vor, welch letztere sich
über dem zierlichen Laubkapitälchen (Fig.
133) als Rundstäbe in der Fensterbe-
krönung sortsetzen. Ein Vorbild haben
dieselben in den Säulchen der romanischen
Radsenster (s. Fig. 134 f und den Grund-
riß e). Solche Säulchen waren besonders
angebracht, wo ein Fenster in kleinere
Unterabtheilnngen geschieden werden sollte,
wie in Fig. 130, wo die Hauptpfosten
(A bezw. C) mit drei Säulchen auf jeder
Seite besetzt sind, während die schwächeren
Pfosten (B) nur eins haben, entsprechend
den dünneren in A und C. Die Kapi-
tälchen fallen dann bald fort und die
Säulchen und Rundstäbe werden immer
seltener, bis sie in der Spätgothik mehr
scharfen und spitzen Gliederungen Platz
machen (siehe unten Fig. 139).

Die schon im romanischen Stile ge-
bräuchlichen Fensterrosen sterben in der
Gothik nicht ans, erscheinen vielmehr in
sehr mannigfaltiger Gestaltung. Statt weit-
läufiger Erklärung sei hingewiesen ans Fig.
131 und die folgenden Fig. 135 bis 137,
von welch letzteren Fig. 135 und Fig. 136
der Frühgothik, Fig. 137 der mittleren
Periode angehört. Während häufig das
Rad in derselben Weise gebildet wird wie
in Figur 128, ist in Figur 135 die An-
ordnung umgekehrt, d. h. die Säulchen
sind nicht nach außen, sondern zum Mit-
telpunkt gerichtet, so daß bei a sich der
Fuß, bei b das Kapitäl befindet. Eine
ganz andere Anordnung weist Fig. 136 auf,
welche sozusagen aus sieben kleineren Ro-
sen zusammengesetzt ist (in dem neben-
stehenden Durchschnitt gehört das kleinere
Profil den Sechspässen an); in Fig. 137 ist
ans die Radsorm zurückgegriffen, aber statt
der Säulchen setzen sich ans den mittleren
Theil einsach abgeschrägte Pfosten ohne
Kapitäl. Es sei schließlich noch hinge-
wiesen, ans die Art und Weise, wie die
Gothik ihr Gesetz der Fenstertheilnng ans
nichtkirchliche Bauten anwandte, wofür die
Abbildungen Fig- 138 und 139 als Bei-
spiel dienen mögen.

(Fortsetzung folgt.)
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