Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

Seite: 72
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des Bildes steht die herrliche Gestalt des
Herrn, welcher mit festem, durchbohrenden
Blick in das sich ihm nähernde, diabolisch
freche Antlitz des Judas schaut; die gegen
den Herrn vorgehenden Soldaten sind aller-
dings etwas zu zahm und unschuldig ge-
geben; kräftige Aktion ist nur auf der
rechten Seite zu bemerken, wo Petrus mit
dem Knechte handgemein ist und ihn bei
den Haaren gefaßt hat, um ziemlich linkisch
mit den: Schwert ihm zuzusetzen. Man
sieht, die Scene geht etwas über Können
und Wollen Fiesole's hinaus, aber das
Antlitz des Herrn, dessen göttlich erhabene
Harmonie neben dem Judasgesicht doppelt
leuchtet, entschädigt dafür.

Ans dem Bilde, welches das Verhör
vor den Hohepriestern darstellt (von
den Silberschränken in den Uffizien;
Ueberschrift: percutient maxillam judicis
Israel Mich. 5) ist der feste, klare Blick
des Herrn ans den Richter die Hauptschön-
heit. Die Gestalten des Richters, seiner
Beisitzer und Soldaten haben zuviel Adel,
Würde und Leidenschaftslosigkeit.

Ganz sicher gehört Fiesole an das
Geißelbild unter den Schrankbildern
von Maria Rovella. Es hat nur drei
Figuren; in enger Geißelkammer erhebt
sich eine Säule, deren Kapitäl bis unter
die Decke reicht; an ihr steht der Herr
mit dem Rücken gegen sie gekehrt unb
rückwärts an sie gebunden; zwei Schergen
links und rechts von Jesus halten mit der
einen Hand die Enden des Strickes, mit
der andern Hand schwingen sie die Ruthe.
Die herrliche Gestalt Jesu und die ziem-
lich ruhige Haltung der Schergen deutet
die Qual der Züchtigung mehr an, als
sie dieselbe zur Anschauung bringt, und
doch stimmt das Bild die Seele mächtig
zu Wehmut und Mitleid. Dieser Ein-
druck ist hervorgerufen namentlich durch
die wunderbar schöne Wendung des Hauptes
Jesu und durch den vorwurfsvoll klagen-
den Blick auf den einen Peiniger. Man
ahnt, was der Maler hiemit sagen wollte:
in der Person des Peinigers stellt er den
Sünder vor, welcher die Qual des Herrn
verursacht hat, und der Blick des Herrn
soll für ihn eine Mahnung zu Reue und
Buße sein.

Die zwei Darstellungen der Verspot-
tung (in den Uffizien und in San Marco)

haben beide fast ganz dieselbe Auffassung
der Christusgestalt, in welche möglichst viel
Hoheit und geistige Größe gelegt erscheint.
In weitem Mantel, mit erhobenem Haupte,
thront er wahrhaft ans dem ärmlichen
Prachtsitz, welchen sie ihm bereitet haben;
noch durch die Binde, welche sein Auge
verhüllt, schimmert die Majestät des Dul-
ders; die eine Hand hält das Scepter,
die andere die Kugel. Ob die Weltkugel
als weiteres Instrument der Verspottung
dem Herrn in die Hand gegeben ist, oder
als ernstgemeintes Symbol der auch in
dieser Stunde ihm eignenden Weltherrschaft,
also gleichsam als Gegengewicht gegen die
Verspottung, kann fraglich sein, letzteres
ist aber wahrscheinlicher. In den Uffizien
ist der Akt der Verspottung unter Zu-
ziehung von vier handelnden und drei zu-
schauenden Personen historisch geschildert,
mit einer Maßhaltnng, welche den erheben-
den Eindruck der Gestalt des Heilands
nicht stört. In dem Zellenbild ist aber
die Verhöhnung selber nur sozusagen in
Bilderschrift angedeutet. Es fehlen die
Gestalten der Soldaten; nur die Glieder,
welche einstens zu der schmählichen Scene
mißbraucht wurden, sind links und rechts
vom Haupte des Herrn angemalt: schlagende
Hände und ein speiender Kopf. Dafür
sind vor dem Throne zwei heilige Gestal-
ten postirt: Maria, welcher die Betrach-
tung des erbarmungswürdigen Bildes die
Seele mit tiefstem Schmerz füllt, und St.
Dominikus, welcher eben im Evangelium
voll Rührung den Bericht davon liest.
Erwäge, betrachte, bemitleide, rufen die
beiden Gestalten dem Beschauer zu.

Alls den Schranktafeln folgen nun die
Begegnung Jesu mit Maria auf
dem Kreuzwege und die Entklei-
dung des Herrn, beides schöne Kom-
positionen, welche ich aber nicht wage, mit
Bestimmtheit Fiesole zuzuschreiben, und
welche daher bloß erwähnt sein sollen.
Auch auf einem Zellenbild begegnet uns
Jesus mit dem Kreuz. Das ist aber
ein reines Andachtsbild; nur zwei Perso-
nen sind außer uns noch gegenwärtig:
St. Dominikus, der am Boden kniet und
den todesmutig voranschreitenden göttlichen
Krenzträger anbetet, und die heilige Mut-
ter, welche ihm auf dem Kreuzweg nach-
schreitet. Beide lehren uns unsere Pflichten
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