Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

Seite: 76
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mehr Freunde und Meister zu gewinnen und
durch sie namentlich allmählig die Steingebirge
unserer Kirchhöfe, um derentwillen man unser
Zeitalter füglich das steinerne nennen dürfte, zu
durchbrechen. Wir werden auf diesen wichtigen
Punkt noch zurückkommen. Das andere Stück,
der Kreuzpartikel, wird in Edelmetall ans-
gefiihrt von Ballmann in Berg; auf dem Fuße
von einfachster gothischer Konstruktion ruht das
reicher gehaltene, an den Ecken mit Nundstäben
besetzte, auf der Fläche mit ciselirten Ornamenten
gezierte, in die durch hübsche Eckblätter belebten
Vierpässe auslaufende Kreuz, das in seinem
Mittelpunkt das kräftig heraustretende Schaugefäß
für den hl. Kreuzpartikel trägt.

Literatur.

Glasmalereien des Mittelalters
u u b der Renaissance. Original-
Aufnahmen von H. Kolb, Professor an
der Kgl. Kunstgewerbeschule in Stuttgart.
Stuttgart, Wittwer. Heft 3—5 ä 10 M.
Das trächtige Werk, auf welches schon früher
wiederholt hingewiesen wurde, liegt nun zur Hälfte
vollendet vor. Auch in diesen drei Heften hält
die reichhaltige und praktische Auswahl mit der
Vorzüglichkeit der technischen Ausführung der
Tafeln (aus der Lithogr. Anstalt von A. Gatter-
nicht) gleichen Schritt, Namentlich begegnen wir
tvieder einer Reihe von einfacher,, leicht nachahm-
baren, aber effektreichen Bordüren ans St. Kuni-
bert in Köln, dem Museum zu Köln und der
Barfüßerkirche in Eßlingen, sodann vorzüg-
lichen Maßwerkfüllungen aus dem 13. und 14.
Jahrhundert. Ein Glasgemälde im Chor des
Kölner Doms ans dem 14. Jahrhundert zeigt
die richtige Behandlung der Architektur für Glas-
und Wandmalereien an. Besonders dankenswerth
und praktisch verwerthbar sind die Abbildungen
einiger sehr einfacher und sehr hübscher Grisaille-
fenster, bei welchen ans ungefärbtem Glas nur
mit Schwarzloth Dekorationen aufgetragcn sind;
sie haben die unter Umständen so nothwendige
Eigenschaft, daß sie das Licht nicht allzusehr
dämpfen. Der Juwel dieser Hefte ist das farben-
prächtige Glasgemälde von Hans Wild im Mün-
ster zu Ulm, welches das Auge wahrhaft bezau-
bert. Das Werk sei zur Anschaffung abermals
bestens empfohlen. Keppler.

A l b r e ch t D ü r e r von L. Kauf m a n n.
Zweite verbesserte Auflage mit einer He-
liogravüre, fünf Lichtdrucken und neun
Holzschnitten. Freiburg, Herder. 1887.
XII u. 184 S. Preis 6 M., geb. 8 M.
Nach 6 Jahren mußte diese Arbeit, welche
erstmals als Vereinsschrift der Görresgesellschaft
erschien, neu aufgelegt werden; sie wurde er-
weitert und mit 15 werthvolleu Illustrationen
ausgestattet, welche wahre Meisterwerke der Helio-
gravüre (k. k. milit. Institut in Wien), Zinko-
gravüre (Reproduktionen der Holzschnitte) und
des Lichtdrucks (Reproduktionen von Kupferstichen,

gefertigt von der Verlagsanstält für Kunst und
Wissenschaft in München) zu nennen sind.

Der klare, herzliche Ton, in welchem der Verf.
Leben und Schaffen des deutschen Meisters schil-
dert, ist in der That wohl geeignet, nicht bloß
dem Altmeister Freunde zu gewinnen, sondern
auch die religiöse Kunst unserer Vorfahren uns
wieder näher zu bringen. Und das ist von Wich-
tigkeit. Wohl müssen wir ja immer und immer
»vieder, namentlich heutzutage, die religiösen Künst-
ler auf Italien Hinweisen, als auf das klassische
Land der heiligen Kunst; aber das kann damit
nicht gemeint sein, daß wir über der italienischen
unsere einheimische Kunst vergessen sollen, als
ob von dieser nichts zu lernen und zu gewinnen
sei. Im Gegentheil, wenn einmal wieder eine
deutsche religiöse Kunst erstehen soll, so müßte
sie vielleicht, wie die Overbecks, über ihr zartestes
Alter hinaus in den warmen Lüsten Italiens
aufgezogen werden; aber dann sollte sie nach
Deutschland zurückkehren, deutsche Art lernen und
von der herzlichen Gemüthstiefe, von der schlich-
ten Gläubigkeit der alten deutschen Kunst in ihr
Blut aufnehmen. Und Dürer tväre nicht der
letzte, bei welchem sie in die Schule zu gehen
hätte. Wohl hat seine Kunst, namentlich in den
Holzschnitten, oft eine struppige und rauhe Außen-
seite; aber Kaufmanns Buch lehrt uns, hinter
der Härte und Sprödigkeit der Formen den gläu-
bigen Tiefsinn und die gemüthvolle Poesie der
Kunst zu finden und zu bewundern. Man kann
ja Dürer auch einen Naturalisten nennen, und es
ist zuzngeben, daß feine Kunst voni Geist der
Renaissance stark beeinflußt ist, daß auch eine
Reihe seiner religiösen Kompositionen für Altar
und Kirche sich tvenig eignen würden. Aber wie
ist doch dieser Naturalismus so himmelweit ver-
schieden von jenem, der wie ein Vampyr der
Kunst das religiöse Blut ans den Adern sangt
und ihr den ganzen Duft und die ganze Weihe
der Religion benimmt. Hier ist es nicht der Un-
glaube, der nichts Uebernatürliches mehr an-
erkennt und mit roher Hand das Mysterium ins
Reich des gemeinen Lebens niederzerrt und die
hl. Thatsachen nur als Motive für diese oder jene
Körperstellungen, Persouengrnppirungen, rein
menschliche Affektsschilderung mißbraucht. Wenn
hier die hl. Geschichte im Gewand der Zeit anf-
tritt — darauf weist der Verf. mit Recht hin
— so kommt das nur daher, weil der Meister
sie im lebendigsten Glauben erfaßt hat und seiner
Zeit sie als eine Geschichte darstellen will, welche
stete Gegenwart ist und jeder Zeit angehört (vgl.
S. 78).

Wo der Glaube so fest und sichtbar sein Sie-
gel ausgeprägt hat, da darf man nicht den reli-
giösen Charakter ableugnen oder bemängeln wol-
len. Und wo dies Siegel so deutlich das des
katholischen Glaubens ist, da ist es Thorheit,
einen Anhänger und Maler der Reformation aus
Dürer machen zu wollen, wie der Verf. im vor-
letzten Kapitel gut darthut. Möge das vortreff-
liche Buch sich viele Freunde gewinnen.

Keppler.

Mit einer artistischen Beilage.

Stuttgart, Buchdruckcrei der Akt.-Gcs. „Deutsches Volksbtatt".
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