Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

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Zeichnung lebhaft genug ab. Diese Art
von Verzierung ist im Mittelalter vielfach
an Gestnhlen, Wänden, Schränken ange-
wendet worden. Sie ist mit den beschei-
densten Mitteln auszuführen, dabei kräftig
wirkend und, wo sie mit reiner Zeichnung
und mannigfaltig wechselnden Mustern
auftritt — ein mittelalterlicher Beschreiber
würde sagen —: „gar lustig anzuschauen".

L.

gur Geschichte der Glockeninschrif-
ten aus dem Bamberger K'and.

Von Prof. H. Weber.

Es ist ein allgemeiner Grundsatz in der
kirchlichen Kunst, daß alles in der Kirche,
selbst dasjenige, was einem zunächst nur
praktischen Bedürfnis dient, in irgend einer
Weise künstlerische Form tragen soll. Die
Regeln für diese künstlerische Form sind
nicht willkürlich dem Kunsthandwerk oktroyirt,
sondern sie haben sich von Innen heraus,
aus dem Geist der Kirche gestaltet. „Darum
weiset alles Aeußere in der Kirche auf ein
Inneres; darum ist das Einzelne und Kleinste,
wie das Große und Ganze, das die wahrhaft
christliche Kunst leistet, nur das Spiegelbild
für ein glanzvolleres, umfangreicheres Urbild,
die schöne Form für ein unendlich schöneres
Wesen, die mannigfaltige Erscheinung des
unerschöpflichen Reichthums und Geistes der
Kirche." 1)

Diese Grundsätze haben auch auf die Her-
stellung der Glocken Anwendung zu finden.
Die Glocke diente zunächst dem praktischen
Zweck, das Zeichen znm Gottesdienst resp.
zum Gebet zu geben; und diesem Zweck ent-
sprach auch die einfachste, schmuckloseste Form.
An den ältesten aus Eisen geschmiedeten
Glocken waren ohnedies Verzierungen nicht
leicht anznbringen, dagegen leicht an den ge-
gossenen.

Daß man aber der Glocke und ihrem
Klang auch eine symbolische Bedeutung bei-
legte, geht aus den schönen tiefsinnigen Ge-
beten hervor, welche bei der Glockenweihe
verrichtet werden. Durch die Weihe aber
wird das Syinbol gesteigert zu einem wirk-
lichen Sakramentale, welches in Verbindung
mit dem Gebete der Gläubigen, zu welchem
ihr Ton anffordert, schädliche Mächte von
dem Besitzthum der Gläubigen abzuweisen
bestimmt ist.

Entsprechend dem praktischen Zweck der

l) Jakob, Die Kunst im Dienste der Kirche.

3. Ausl. S. 3. Regensburger Diözesanverord-
nungsblatt, 1856, Nr. 4, S. 22.

Glocken und zugleich der Segenswirkung,
welche durch die Weihe an dieselben geknüpft
ist, hat man frühzeitig bedeutungsvolle In-
schriften auf die Glocke gesetzt. Und da
man häufig wie die Kirche so auch die
Glocke in den Schutz eines Heiligen stellte
und sie oft nach demselben benannte, so setzte
man auch das entsprechende Bildwerk auf
dieselbe. Wie der Maler seinem Werk sein
Monogramm und der klösterliche Skriptor
am Schlüsse seiner Abschrift seinen Nauren
und die Jahreszahl beisetzte, so thaten das
von der Mitte des 13. Jahrhunderts an die
Glockengießer. Bisweilen ist die Zeit des
Gusses noch weiter bezeichnet durch Angabe
von geistlichen und weltlichen Persönlichkeiten,
unter deren Leitung die Kirche und das
Kirchenvermögen stand. Endlich finden sich
auch da und dort die Donatoren ver-
zeichnet.

Im Nachfolgenden sollen diese verschie-
denen Arten von Inschriften und Verzierun-
gen an Glocken durch praktische Muster
illustrirt werden.

Vor mir liegt ein Manuskript von 82
Folioseiten mit dem Titel: Jo. Seb. Schram,
Parochiae superioris ad Divam Virginem quon-
dam chori Directoris Lusus Campanarum
Campanularumque Bambergae ex Omnibus tur-
ribus Ecclesiarum collegiatarum, parochialium,
Monasteriorum etc. . . . Anno Dom. Incar.
MDCCLXXI collectus, modo continuatus . . .
et in hanc formam reductus a me J. G. Endres
p. t. Cancellista intimo. MDCCLXXXXVI.

Dieser Sebastian Schram war 1728 zu Bam-
berg geboren, hatte an der dortigen Akademie
unter der Leitung der Jesuiten humanistische und
philosophische Studien gemacht und übernahm
als zwanzigjähriger Jüngling im Jahre 1748
die Stelle eines Chordirektors an der Oberen
Pfarrkirche. Seine spärlichen Mittel verwendete
er mit seltener Treue auf den Erwerb von Kunst-
gcgcnständen der verschiedensten Art: Urnen,
Büsten, Münzen, Holzschnitten, Kupferstiche»,
Wappen 2C. Er hatte eine Sammlung von
ca. 1500 verschiedenen Dessins von Linnen zu-
sammengebracht; von sämmtlicheu Gebäuden und
in den Kirchen befindlichen Grabdenkmälern der
Stadt Bamberg hatte er die Inschriften gesam-
melt, die auf den Straßen und in der Umgegend
der Stadt stehenden Krnzifixe und Bildstöcke
(Martersäulen) abgezeichnet und dadurch wenig-
stens für die Geschichte manches gerettet, >vas die
Erneuerungswuth unseres Jahrhunderts vernichtet
hat. Er starb aut 14. Oktober 1790, 62 Jahre
alt. Seine Sammlungen tvurden leider verschleu-
dert. Nur seine Aufzeichnungen haben sich er-
halten und zu diesen zählt das oben genannte
Manuskript.

Die Handschrift bietet die Abbildung von
91 Glocken aus den Kirchen der Stadt Bam-
berg und von 23 von dein Land. Der Ab-
bildung einer jeden Glocke mit Inschrift und
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