Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

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Archiv für christliche Nunst.

Organ des Rottenburger Diözesan-Vereins für christliche Runst.

perausgegeben und redigirt von Professor vr. Aeppler in Tübingen.

Verlag des Rottenburger Diözesan-Aunstvereins, für denselben: der Vorstand Professor On. Aeppler.

Erscheint menallich einmal. Halbjährl. für M. 2. 05 durch die württemb. (M. l. 90
im Siutig. Bcstellbezirk), M. 2. 20 durch die bayerischen und die Rcichspostanstaltcn,
fl. 1.27 in Oesterreich, Frcs. I. 40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden Y^)0»--
riSr» auch angenommen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags lOO/ t

direkt von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Nrbansstraße 94,
zum Preise von M. 2. 05 halbjährlich.

^ra Giovanni da Aesole,

der Engel der kirchlichen Malerei.

Von Prof. vr. Kopple r.

(Fortsetzung.)

Die Krone der Kreuzbilder des
Meisters ist die großartige, fignrenreiche,
gewaltig gedachte und sorgfältig ansge-
führte Komposition im Kapitel-
saal von San Marco. Der Heiland
hat eben die Angen im Tod geschlossen;
der wunderbar schön und edel geformte
heilige Leichnam scheint von den Qualen
und Torturen sanft ausznrnhen. Die bei-
den Schächer leben noch; der gute, dessen
Leib dem des Heilands ähnlich geformt ist,
hat voll Innigkeit seine Augen dein Herrn
zugewendet und verrichtet voll Hoffnung
sein Sterbegebet; der böse hat den Mund
zum Verzweiflnngsschrei geöffnet. Unten
ist eine erhabene Versammlung von zwan-
zig lebensgroßen Gestalten um das Kreuz
geschaart, neun links, elf rechts vom Kreuz.
Zwischen dem Kreuz Jesu und dem des
guten Schächers zieht die rührende Gruppe
der Frauen mit Johannes den Blick ans
sich; Martha war am Krenzesfnß gekniet,
da sieht sie die Mutter Jesu, welche beim
Tode des Sohnes die Kraft verläßt, ohn-
mächtig umsinken und eilt schnell, ihr bei-
zuspringen und sie von vorn in ihre Arme
aufzufangen; so ist ihre halbausgerichtete
Stellung motivirt. Unter dem Kreuz des
guten Schächers steht die herrliche Figur
des St. Johannes Baptista, welcher zeu-
gend ans Jesus weist, und wohl als Na-
menspatron des Malers oder des Gio-
vanni Medici beigezogen ist. Neben ihm
sieht man ans ein Knie niedergelassen St.
Markus mit dem Evangelium, ebenfalls
ans den weisend, von welchem er geschrie-
ben; er hat hier seine Stelle als Patron
des Klosters San Marco. Drei Heilige
bilden den Abschluß dieser Reihe: St.

Laurentius, St. Kosmas, St. Damian,
die Patrone des Stifters des Klosters Lo-
renzo de Medici und des Hauses Medici.
Anführer der zweiten Reihe ist St. Do-
minikus, der Ordensvater, mit ansgebrei-
teten Armen daknieend, hinter ihm stehen
Ambrosius und Augustinus; der erstere
weist den knieenden Hieronymus mit der
Hand ans das Kreuz hin; Augustinus hält
die Feder, um die Lehre vom Gekreuzigten
niederzuschreiben. Dann kommt in knieen-
der Haltung St. Franziskus, die Hand
an die Wange legend, durch seinen Blick
an den Gekreuzigten gekettet; St. Bernar-
dns, der die Regel an die Brust preßt
und gleichsam spricht: alles will ich ans
mich nehmen ans Liebe zu Dir; hierauf
eine besonders rührende Gestalt, welche
nicht dem Kreuze zugewendet, sondern nach
vorn gekehrt ist und das thräuenüberströmte
Antlitz mit der einen Hand verhüllt, wohl
St. Gnalbertns; hierauf St. Petrus Mar-
tyr mit dem blutüberströmten Haupt; hin-
ter diesen vier knieenden Gestalten steht
St. Benedikt mit der Ruthe der Kasteiung,
welche von den Schmerzen des Herrn etwas
ans den eigenen Leib herübernimmt, St.
Romuald ganz in sich versunken, und St.
Thomas von Aqnin, den Blick der For-
schung, das feste, sozusagen dogmatische
Auge auf das Kreuz geheftet.

Die Bedeutung d i e s e ö B i l d e s ist
unschwer zu erklären. Der Kapitelsaal
ist so recht der Familiensaal einer Kloster-
gemeinschaft, und dieses Bild stellt nichts
anderes vor, als die Theilnahme der enge-
ren und weiteren Klosterfamilie von San
Marco am großen Erlösnngsopfer von
Golgatha. Daß das in cruce salus in
ganz spezifischem Sinne einer OrdenS-
genosfenschaft gelte, daß die Verbindung
mit dem leidenden Heiland oberstes Gesetz
vor allem des Ordenslebens sei, daß die
großen heiligen Ordensstister ans den offe-
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