Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

Seite: 87
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hl. Leichnam verehrt; neben ihm stehen
mehrere Männer und Frauen; einer hält
ehrfürchtig in Händen die Dornenkrone
und die drei furchtbaren Nägel und zeigt
sie mit einer Miene, welche spricht: seht,
wie entsetzlich er leiden mußte! Diese
Gruppe verbindet innige geistige Antheil-
nahme mit dem Vorgang. Im ganzen
Bild zeigt Fiesole wahrhaft dramatisches
Vermögen, und man darf wohl behaupten,
daß dieses Thema nie künstlerisch und
religiös vollendeter gelöst wurde als hier.
Je zwei Engel, welche in den beiden an-
deren Bögen klagend und weinend in den
Lüften schweben, erhöhen den Eindruck der
ergreifenden Todtenfeier.

Verwandten Themas und Geistes, auch
voll harmonischen Zusammenklangs der
Affekte und Formen, wenn auch nicht von
so vollendeter Durchführung wie das eben
besprochene, ist ein anderes Tafelbild in
der Academie, auf welchem der hl. Leich-
nam auf den Schooß der Mutter und einer
anderen hl. Frau hingebettet ist und noch
andere hl. Frauen zur Leichenfeier beige-
zogen sind; dann ein Zellenbild mit dem
hl. Dominikus, einfacher und ruhiger ge-
halten, und die wieder etwas reicher aus-
gestattete, bewegtere Darstellung aus den
Tafeln der Silberschränke.

Hier mögen zwei kleinere Bilder einge-
schaltet werden, welche man als Ecce-
llomO -Bild er im weiteren Sinne, oder
mit dem älteren Namen Misericordien- oder
Erbärmdebilder bezeichnen kann. Es sind
keine historischen Passionsbilder, sondern
Andachtsbilder, auf welchen der leidende
Heiland mit den blutigen Emblemen seiner
Passion der Christenseele sich darstellt, um
sie zum Mitleid zu bewegen. Leiden, Tod
und Grab ist auf diesen Bildern vergegen-
wärtigt, welche eine ganz eigene Geschichte
haben und durch viele Jahrhunderte hin-
durch Lieblingsbilder der Christenheit dies-
seits und jenseits der Alpen waren. Der
Heiland steht nämlich aus Fiesolcks Bil-
dern, wie auch sonst unzähligemal, im
Grabe, aus welchem er mit halbem Kör-
per hervorragt, die Arme ansgebreitet, die
Nägelmale zeigend, das Haupt im Tode
geneigt. Das eine dieser Bilder ist in
S. Marco, das andere in der Academie;
auf letzterem ist, wie es häufig vorkommt,
mit dem Passionsbild die Anbetung der

drei Weisen ans Einer Tafel kombinirt,
damit unmittelbar neben der Erniedrigung
die königliche Hoheit sich zeige. Der Ein-
druck, welchen der Anblick des in der Ein-
samkeit und Majestät des Todes und Gra-
bes erscheinenden Heilands hervorruft, ist
ein unbeschreiblich rührender und ergreifen-
der. Auf dem Bild in der Academie ist
neben der Gestalt des Heilands gleichsam
noch in Miniatur- und Bilderschrift ein
gedrängter Auszug aus der Passions-
geschichte gegeben. Wir sehen auf den
Hintergrund angemalt das Haupt des Hei-
lands, berührt von den unreinen Lippen
des Judas, die Geiselsäule, das Haupt
Petri, auf welches das Antlitz der Magd
schaut und ihr Finger deutet, die Schüs-
sel, über welcher zwei Hände sich waschen,
das verbundene Haupt des Herrn, umgeben
von schlagenden Fäusten. Das sind Nach-
hilfen für die betrachtende Seele, damit
sie den ganzen Gang der Passion sich ver-
gegenwärtigen könne.

Dann schildert Fiesole in San Marco
wie der Heiland im Siegesflng hinabeilt
zu den Altvätern im Liinbus. Flie-
genden Gewandes kommt er zum Felsen-
thore herein, dessen Thüre aufgesprengt am
Boden liegt, den höllischen Thürhüter un-
ter sich begrabend. Abraham begrüßt den
Ersehnten; Adam und Eva, Abel, Moses
und eine Schaar von Gerechten eilen freu-
dig aus dem Dunkel ihres Kerkers dem
Licht des Anferstandenen entgegen.

Die Frauen am Grabe begegnen
uns zweimal, auf einem Schrankbild und
einem Zellenbild. Ersteres gehört zu den
schönsten dieses ganzen Cyklus und ist
ganz unzweifelhaft von seinem Pinsel. In
der Grabhöhle sitzt der Engel mit beredter
Geberdesprache; zwei Frauen schauen ins
Grab hinein; auf ihrem Antlitz kämpft
Freude mit Schmerz, Glaube mit Zweifel;
drei andere haben die Botschaft gläubig
ausgenommen und gehen, dem Auftrag ge-
mäß sie den Jüngern mitzutheilen. Ans
dem Zellenbild sitzt der Engel auf dem
Rande des Sarkophags; die Frauen sind
in die Grabkammer heingetreten, unter ihnen
auch Maria, am Stern auf dem Haupt
kenntlich. Maria und zwei mit ihr zu
einer herrlichen Gruppe Verbundenen glau-
ben der Botschaft, und die Mutter Jesu
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