Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

Seite: 88
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scheint nur Mühe zu haben, den Strom
von Seligkeit zu beherrschen, welcher sich
mit der Kunde über ihre Seele ergießt.
Eine der Frauen aber schaut mit vorge-
halteuer Hand hinab ins Grab, ob sie
nicht doch noch eine Spur von dem ent-
decke, welcher, ihr unsichtbar, uns sichtbar
in herrlicher Glorie über ihrem Haupte
schwebt. Es ist ein schöner Gedanke, in
solcher Weise den selbst ins Bild herein-
znnehmen, welchem all diese Liebe, Sorge
und Freude gilt. Von besonderer Schön-
heit ist der Engel, eine wirklich vom Him-
mel gekommene Erscheinung; seine wunder-
schöne Aktion enthält seine ganze Botschaft;
die eine Hand zeigt mit dem Finger ins
Grab, die andere auswärts, wo, nicht ge-
sehen von den Frauen, der Heiland schwebt;
hinter dem Engel aber schaut sanft lächelnd
St. Dominikus auf die Frauen, als sagte
er: ich weiß wohl, wo er ist; ich sehe den,
den ihr suchet.

Es möge hier das gewaltigste Thema
christlicher Bildnerei angeschlossen werden,
welches Fiesoke fünfmal behandelt hat:
das Weltgericht. Für den Welten-
richter hat er zwei Typen verwendet; das
einemal giebt er ihm einen Doppelgestns,
indem er die eine Hand einladend sich den
Seligen znwenden, die andere verwerfend
gegen die Verdammten hin niedersinken
läßt (so in dem für degli Angelt gemalten,
jetzt in den Uffizien befindlichen Gemälde);
das anderemal drückt er durch den Gestus
beider Hände die Verwerfung der Ver-
dammten aus (Schrankbild in den Uffizien,
Gemälde im Palast Dudley, London, und
Fresko in Orvieto), oder er gibt in die
eine Hand ein Buch und läßt die andere
die Verwerfung vornehmen (Darstellung
im Palazzo Corsini in Rom). Die zweite
Darstellungsweise ist die glücklichere; der
zweispältige Gestus der ersteren stört etwas
die Einheit der Person und die seltsam
schlaff herabhängende Hand ist nicht im
Einklang mit der Wichtigkeit und Energie
des Aktes. Im klebrigen hält sich Fiesole
ganz an den bisherigen Aufbau des Ge-
richtsbildes. Die Stärke dieser Kompo-
sitionen liegt nicht in originellen Kompo-
sitionsgedanken und nicht in der tragischen
Seite der Darstellung; weiß er das An-
heimfallen der Verworfenen an die ewige
Verdammniß mit hinlänglichem Schauer

zu schildern, so sind die dantesken Höllen-
schilderungen, wo er solche beigibt, keines-
wegs zu loben, und sie fallen ans der
Tragik in die Komik. Seine Partie in
diesem Bilde ist die rechtsseitige; da geht
er eigene Wege, da erschließt er neue
Quellen der Seligkeit und Glorie, da
stinnnt er neue Lieder jubelnder Freude
an. Das erste Aufjanchzen derer zur
Rechten darznstellen beim Einathmen der
Luft der Seligkeit, den Willkomm zu schil-
dern, welchen Schutzengel und Seele sich
bieten, nun, da sie einander gleich gewor-
den sind, abzubilden das Aufwallen zum
Himmel auf den Schwingen einer Freude,
welche das ganze Wesen in jauchzendes
Entzücken verwandelt, das ist seine Sache
und seine Kraft, das die Fähigkeit seines
in des Himmels Glorie eintanchenden Pin-
sels. Und da ist es eine liebliche Erfin-
dung, welche wir dem Engel der Malerei
verdanken. Auf dem Gemälde aus der
Kirche degli Angeli und noch mehr auf
dem in London in der Galerie Dudley
befindlichen, welch letzteres F ö r st e r in
prachtvoller Liniarzeichnung publizirt hat,
stellt er die Heimkehr der Seligen in den
Himmel im Bilde eines Reigentanzes dar,
welcher über blumige Wiesen dorthin sich
bewegt, wo aus offenem Portal strahlen-
des Licht des Himmels hervorbricht. Die
Seligen und ihre Schutzengel haben sich
bei den Händen gefaßt; im Uebermaß der
Freude und Wonne ist ihr Gang in Tanz
übergegangen, und im melodiösen Ryth-
mns dieses selig-beschwingten Tanzes wal-
len sie aufwärts zum himmlischen Hochzeit-
mahl. Hinreißender ist die Seligkeit nie
geschildert worden als hier, weil sie nicht
kindlicher geschildert werden kann und weil
die kindliche Vorstellung am geeignetsten
ist, das Unaussprechliche anszusprechen.
Um dieser Erfindung allein willen müßte
Fiesole der Name Fra Angelico gegeben
werden. —

Wenn man in gewissem Sinne Fiesole
den Maler der Passion nennen kann, so-
fern er den Andachtsgehalt derselben wie
kein anderer zur Geltung bringt und Jesus
als das milde heilige Gotteslamm zu schil-
dern weiß, das ans reiner Liebe sich hin-
opfert, so kann man ihn mit noch mehr
Recht den Maler des Lebens Mariens
und der Kindheit des Herrn nennen.
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