Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

Seite: 89
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Der Cyklus des Lebens Mariens
und der Kindheit I e s n.

Dem Thema nach ist hier das erste Bild
die Vermählung Josephs mit Maria, dar-
gestellt ans der Predella eines für Maria
Nnova gemalten, jetzt in den Uffizien be-
findlichen Krönungsbildes. Sie vollzieht
sich auf dem Wiesengrnnd vor dem Tem-
pel. Der Hohepriester verbindet eben die
Hände der Verlobten. St. Joseph steht
im kräftigen Mannesalter, Maria ist eine
überaus zarte Jungfrauengestalt. Die
Frauen, welche hinter ihr stehen, besprechen
die eigenthümliche Fügung. Hinter Jo-
seph sind die andern Freier postirt, jugend-
liche adelige Gestalten, welche nicht so
leicht sich mit dem von oben knndgegebe-
nen Willen und mit dem eben Geschehen-
den versöhnen können, vielmehr zum Theil
ärgerlich und aufgebracht ihre Stäbe zer-
trümmern, znm Theil mit den Fäusten den
Rücken Josephs bearbeiten; dieser aber
steht in unerschütterlicher Ruhe da, den
grünenden Zweig, auf welchem ein weißes
Vöglein sich niedergelassen hat, als Legiti-
mation fest in der Hand haltend und den
Blick ehrfürchtig auf seine holdselige Braut
heftend. Die Komposition ist von jener
vollendeten ruhigen Harmonie, welche Fie-
sole herzustellen wußte; nur die geballten
losschlagenden Fäuste wollen beim ersten
Blick nicht gefallen und verrathen wenig
Ehrfurcht vor dem Hohepriester und der
Verlobnngsceremonie; ihr übermütiges Ge-
bühren stellt aber die demütige Hoheit des
hl. Joseph schön ins Licht. In der jetzt
in al Gesu neben dem Dom von Cortona
anfbewahrten Predella eines Altarbildes
für die Dominikanerklosterkirche dieser Stadt
ist die Verzweiflung, der Aerger und Unmut
der enttäuschten Freier auch lebendig ge-
schildert, aber ohne jenen kräftigen Zug.

Dann folgt die V e r k ü n d i g u n g.
Diese Darstellung kann man Fiesole's Spe-
zialität nennen. Kein Thema hat er nebst
der Krönung so häufig behandelt wie dieses.
Sieben Darstellungen der Verkündigung
sind uns bekannt: ein Altarbild, für San
Domenico in Cortona lebensgroß gemalt
(jetzt in al Gesu neben dem Dom); ein
zweites ebenda, Theil eines andern Altar-
bildes; drei befinden sich in San Marco:
das eine im oberen Korridor, das andere

ist Zcllenbild; das dritte, eine große Ta-
fel in deren geschnitztem Rahmen Reliquien
geborgen sind, wurde ursprünglich für
Maria Novella gemalt; das sechste gehörte
zu einem Altarbild von San Domenico
in Perugia und ist jetzt in der dortigen
Pinakothek, ziemlich lädirt. Endlich findet
sich eine ^Lirnuntmtio auch unter den
Schrankbildern in den Uffizien. Eine achte
kam 1885 ans der Galerie von Hamilton
Salare in London in die Sammlung des
Louvre; wir haben dieselbe nicht gesehen.

(Fortsetzung folgt.)

Beichtstühle.

Haben wir im ersten Artikel den Zeich-
nern von Kirchenstühlen den Preis der
Menschenqnälerei zuerkannt, so wäre es
ungerecht, der Erfinder von Beichtftnhl-
entwürfen nicht zu gedenken, die mit glän-
zendem Erfolg sich bestrebt und alle Er-
findungskraft eines Folterknechts ange-
strengt haben, um das Geräth so martervoll
als möglich einzurichten. Ihr Werk fällt
nicht so ins Auge wie die Kirchenbänke,
es verbirgt sich schamhaft in Mauernischen,
Winkeln, unter den Stiegen, daher müssen
wir es mit einiger Gewaltthätigkeit ans
Licht ziehen.

Es wird keiner Versicherung bedürfen,
daß auch dieser Gegenstand einer Bearbei-
tung ebenso werth als bedürftig ist. Wer
zehn und mehr Stunden in einem Tage
in diesem kleinen Kerker sitzen muß, dem
ist es nicht gleichgültig, ob er bequem oder
unbequem sitze. Und auch der, welcher
nur auf kurze Zeit sich da einfindet, will
sich nicht durch eine verzwickte Körper-
haltung Mnskelkrämpse znziehen. In den
Beichtstuhl gehört die Beicht, nicht die
Mortifikation.

Wo immer ein Raum oder Geräth zu
irgend einem Zweck geschaffen werden soll,
da erkundigt man sich vorher sorgfältig
danach, welches die Bedürfnisse sind, sticht
die richtigen Dimensionen festzustellen, forscht
nach dem passenden Platze, den besten Vor-
bildern u. s. w. Beim Beichtstuhl findet
man das nicht nöthig. Man sieht sich
höchstens noch einmal einen an, den näch-
sten nicht den besten, packt sich einige archi-
tektonische und ornamentale Lieblingsformen
und schneidet dem armen Beichtstuhl ein
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