Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

Seite: 100
DOI Heft: 10.11588/diglit.15863.49
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15863.53
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15863.54
DOI Seite: 10.11588/diglit.15863#0104
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1887/0104
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
-- 100 —

Fenster anlehnte und dadurch das Licht noch
mehr beeinträchtigte, darüber gab der dick-
leidige Ausstellungskatalog keine Auskunft.
Wir hätten vorgezogen, durch Weglassung
mancher werthlosen Gegenstände den Platz
zu sparen und das Licht zu schonen. Für
ein Werk der bildenden Knnst ist das Licht
Lebensbedingnng. Jeder Maler will sein
Werk lieber gar nicht, als in ungünstiger
Beleuchtung ausgestellt scheu. Daher stelle
mau lieber weniger Stücke aus, und diese
an günstigem Orte, und — das ist gewiß
kein unbescheidener Wunsch — auch in pas-
sender Zusammenstellung, damit die Alls-
stellung nicht zu sehr einem Trödelladen
gleiche. Der Freund mittelalterlicher Kunst
konnte in Bregenz sich an manchem schöllen
Stück voil Tafelmalerei, Skulptur, Gobelins,
Handstickereien, Glasmalereien, Goldschmiede-
arbeiten u. s. w. erfreuen, die sonst dem Auge
des Forschers verborgen oder ganz unbekannt
bleiben. Dies ist ja ein ungeleugneter Vor-
teil der Ausstellungen. Die Metallkunst war
dllrch eine Sammlung schöner Vortragkreuze,
eiile Cylindermonstranz (Nr. 809 des Kata-
logs), eine gothische Monstranz mit runder
Pyris (810) würdig vertreten. Unter den
Stickereien zeigtet: sich einige in bunten Far-
ben mit Blumen, Ranken uild Figuren be-
stickte Leinwandvorhänge als wahre Muster
der verschiedensten Sticharten, lieber ihren
Aufenthaltsort gibt der Katalog bei der. 1187
bis 1189 Auskunft. Leider konnte ich nicht
bemerken, daß der weibliche Theil der Be-
sucher diesen schönen Arbeiten die Aufmerk-
sanikeit geschenkt hätte, die sie reichlich ver-
dienten. Nur in Einem wäre da vor allzu-
treuer Nachahmung zll warnen. Bei Nr. 1189
silld die Köpfe nicht als Flächenstickerei, son-
dern in erhabener Arbeit, auf ausgestopfter
Unterlage ausgeführt. So geben sie bem
sollst meisterhaft gearbeiteten Werk ein unwür-
diges pllppenhaftes Ansehen. Eben so wenig
zur Nachahmung empfohlen uild mehr als
Kuriositäten seien zwei Caselu erwähnt, die eine
von Leder nlit Pressung, Vergoldung inld aus-
geklebtem Wollenstaub (Nr. 1180), die andere
(Nr. 1181) mit hochgestickten und applicirten
Flammen und Todtenköpfen. Dagegen dür-
fen zwei Caselkreuze mit Figuren im Platt-
stich als mustergiltig gepriesen werden. Vor-
züglich schön ist bei einem derselben der gold-
gemusterte Hintergrund mit Ueberfangstichen
hergestellt. Zu diesen schönen Kreuzen taugt
nicht ganz gut der große Geigeuausschuitt
nnb die Hochgoldstickerei auf dem Gewand-
stofs. Diese Werke siild von den Domini-
kanerinnen in Thalbach ausgestellt. In der
Schulausstellung wird man wieder an die

gediegene Thätigkeit dieser Frauen erinnert,
wenn man aus der Mädchenindustrieschule
von Thalbach die reichhaltige Sammlung von
Stickmustern, besonders in Linnenstickerei, sieht.

Die Holzarbeiten müssen uns noch be-
schäftigen. Da man heutzutage die sog. Re-
naissance als Modeliebhaberei kultivireu will
und auch da mit Recht von ihr Gebrauch
macht, wo eine Renaissancekirche mit Altären,
Gestühl il. dgl. auszustatteu ist, so entsteht
die Nachfrage nach guteil Mustern. Findet
man diese nicht, so ist Gefahr, daß unter
den: Namen Renaissance der hinausgeworfene
Zopf wieder hereingeschmuggelt wird. Nun
sind aber gute, musterhafte Arbeiten der Re-
naissance viel seltener als solche aus frühe-
ren Zeiteil. Um so niehr ist es anzuerkeuneu,
daß die Bregenzer Ausstellung einige recht
hübsche Arbeiten dieser Art vorgeführt hat.
Dazu gehört ein Chorstuhl aus Stuben auf
dem Arlberg (Nr. 834), ein Tabernakel
(883), lind als das schönste und größte
Werk ein Altaraussatz mit vielen Schnitz-
werken. Die Bilder dürfen sich würdig neben
die schönsten Werke des Mittelalters stellen.
Der architektonische Ausbau ist reich ilud ori-
ginell. Eine Beschreibullg ohne Zeichnung
würde llichts nützen. Indessen ist das Werk
in dem Bregenzer Landesmuseum zll sehen.
Dank denl Museum, daß es ihm einen guten
Zufluchtsort eingeräumt hat. Doch können
wir uns die Bemerkung nicht versagen, daß
ein solches Werk in eine Kirche gehört. Mit
Staunen lesen wir, daß dieser Altar „vor
Kurzem" aus der Pfarrkirche in Hohencins
entfernt worden sei.

Die Jubiläumsmedaille

zum Jubeljahr des hl. Vaters, welche aus dem
Atelier des Hofgraveurs G. Schiller in
Stuttgart hervvrgieng, verdient auch in diesem
Blatte wärmste Anerkennung und Empfehlung.
Sie zeigt auf der einen Seite das vorzüglich aus-
geführte Brustbild des Papstes; die Gesichtszüge
desselben sind von Intelligenz wie von Liebe
dnrchgeistigl. Die Kehrseite ist geschmückt mit der
Tiara und dem auf einem Buch stehenden Kelch
mit der Hostie; dieser ist von einem Strahlenkreis
umzogen lind von zwei Palmblättern umkränzr;
zu unterst ist das Wappen des Papstes. Die
Cisclirarbeit ist bei aller Kraft und Energie des
Ausdrucks so ins feinste Detail hinein zart und
sorgfältig, daß der Verfertiger von Monsignore
de Waal in Rom das vielsagende Zeuguiß aus-
gestellt erhielt, auch die päpstliche Münze, so
weltberühmt sie sei, habe der Medaille nichts Bes-
seres au die Seite zu stellen. Der Preis für
eine broncirte Medaille ist 1,50 M., für eine
gut vergoldete 2 M.

Mit einer Annstbeilage: Beichtstühle.

Stuttgart, Buchdruckcrei der Akt.-Gcs. „Deutsches VvtkSblatt".
loading ...