Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

Seite: 102
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Fig. 150. Strebepfeiler im Grundriß.

Fig. isi.

treffen — vereinigt, während andere Theile davon
entlastet werden, so ergibt sich von selbst, daß an
den von dem vereinigten Schnb angegriffenen Punk-
ten durch Verstärkung der Mauer eine Widerstands-
kraft gegeben werden muß, groß genug, diesem An-
griffe der nach außen drängenden Kräfte das Gleich-
gewicht zu halten, während die übrigen Mauertheile
schwächer aufgeführt werden können. Da nun
überdies eine in der Richtung des Schubes stehende
Mauer bei Weitem größeren Widerstand bietet, als
wenn dieselbe Masse von der Seite angegriffen
würde, so ergibt sich auch von selbst die Art, wie
der Mauer Widerstandskraft gegeben werden mußte,
dadurch nämlich, daß man eine kurze Mauer von
gewöhnlicher Dicke an den angegriffenen Punkten
quer gegen die Hauptmauer lehnte. Das zu der-
selben erforderliche Material wurde doppelt und
dreifach durch die Verringerung der übrigen Mauer-
Kicke wieder gewonnen. Fig. 150 zeigt die ganze
a Anordnung im Grundriß.

Beim Punkte a suchen die
sämmtlichen Gewölbekräfte
die Mauer in der Richtung
der Gnrtlinie G hinauszu-
schieben, der Strebepfeiler 3
verhindert dies besser als
wenn die ganze Mauer etwa
bis zur Linie b c gleichmäßig
verstärkt wäre.

Der romanische Stil brachte
allerdings die Strebepfeiler
nicht bis zu der im Vor-
stehenden gekennzeichneten
Entwicklung; die aus roma-
nischer Zeit herstammenden
Strebepfeiler find zwar oft
genug ein ehrendes Zeugniß
für den Scharfsinn und For-
mensinn der Meister, ver-
bergen aber ihren Zweck
meist noch schüchtern unter
zierlichen Architekturformen,
die zu demselben in keiner
Beziehung stehen. Erft die
Gothik stellte die Strebepfeiler
frei und frank hin als das
was sie sind: Gegenmauern
gegen die von innen wirken-
den Schubkräfte. Dem ent-
spricht auch die Gestalt der
Strebepfeiler im Einzelnen.
Sie ziehen sich nämlich nach
oben mehr und mehr nach
Fig. 152. der Mauer hin zurück und



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