Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

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ein wahrer Jdealtypus, wohl das schönste
Bild, welches jemals den Gottessohn dar-
zustellen versuchte, setzt ihr die Krone aufs
Haupt. Als Lehrmeister der Betrachtung
aber sind die sechs Heiligen beigegeben,
deren Körperhaltung und Gesichtsausdruck
die Ekstase, den Zustand ekstatischer Freude
und ekstatischen Gebets verrät. Darum
sind sie alle in derselben Stellung; in der
Ekstase bewegt sich der Leib nicht, ist die
Körperlichkeit in Eine Stellung gebannt.
Dieser höchsten Form des Seelenlebens
und Gebetes soll sich die Meditation, das
von aller Außenwelt weg gänzlich auf
Gott hingewendete Beten des Ordensmannes
nähern.

Zu dieser Bilderreihe gehören schließ-
lich noch die M a d o n n e n b i l d e r, welche
die Gottesmutter mit dem Kind ans dem
Throne der Herrlichkeit darstellen, umgeben
von einem Hofstaat von Engeln und Hei-
ligen. Dazu zühlt in den Uffizien na-
mentlich das sog. Tabernakelbild, gemalt
für die Linaiuoli, die Leineweber in Flo-
renz; dann das Altarbild für San Marco,
etwas übermalt, und die Maria della Stella;
sodann in der Galerie Pitti das Altarbild
für San Felice in Piazza, in San Marco
das große Wandgemälde auf dem Korri-
dor, Madonna ans einem Renaissancethron
mit acht Heiligen, und ein Zellenbild, in
der Pinakothek von Perugia das Altarbild
für San Domenico daselbst (Engel mit
Rosenkörbchen); endlich die Madonnenbil-
der in San Domenico in Cortona, in
San Domenico in Fiesole (von Lorenzo
di Credi restaurirt), in der Galerie von
Berlin (Maria mit dem Kind zwischen
Dominikus und Petrus Martyr, etwas
übermalt) und im Städel'schen Museum
zu Frankfurt (Madonna auf dem Thron
mit thurmartigem Baldachin, das Kind am
Kinn streichelnd, um den Thron 12 Engel
im Halbkreis aufgestellt).

Im Typus der Jungfrau finden wir
auf diesen Bildern meist nicht die Anmut,
deren der Pinsel Fiesole's fähig war; dieser
scheint etwas gehemmt durch das Streben,
den Typus des eingebürgerten, mit dem
religiösen Leben des Volkes verwobenen
alten Madonnenbildes möglichst beizube-
halten. Das hl. Kind ist theils halb,
theils ganz, theils gar nicht bekleidet; es
spielt entweder mit der Mutter, oder es

hält eine angeschnittene Orange oder Rosen,
oder es hat die Weltkugel und segnet.
Die ganz besondere Schönheit einiger dieser
Bilder liegt im Blick der Mutter ans das
Kind oder des Kindes empor zur Mutter.
Das feierlichste und großartigste Madon-
nenbild ist das des Tabernakels für die
Leineweber (Uffizien; Tabernakel hier —
Flügelaltar). Das Mittelbild mit rundem
Abschluß zeigt die Madonna mit sehr ern-
stem Antlitz, den Blick auf's Kind gesenkt,
sitzend auf reichem Polsterthron, über
welchem ein schwerer Vorhang zurück-
geschlagen ist; das Kind steht, von ihren
Händen ehrfürchtig gehalten, auf ihrem
Schooß, in der einen Hand die Weltkugel
hinanshaltend, mit der andern segnend.
Der Rahmen des Bildes ist mit zwölf
musizirenden Engeln besetzt, welche zu des
Engelmalers herrlichsten Gebilden gehören.

Auf die reiche Fülle von legenda-
rischen Schilderungen aus dem
Leben der Heiligen einzugehen, er-
laubt der Raum nicht. Aber nicht ein-
dringlich genug können wir die Maler und
Bildner Hinweisen auf die herrlichen Typen
von Heiligen, welche Fiesole geschaffen hat,
Typen, welche oft von unübertrefflicher
Schönheit sind und in feinster Charak-
teristik die jedem Heiligen eigene Indivi-
dualität wiedergeben. Wir bitten die Mei-
ster kirchlicher Kunst dringend, doch aus
dieser reichen und reinsten Quelle schöpfen
zu wollen; nichts würde sicherer zur Wie-
derbelebung unserer Heiligentypen führen.
Mit Vorzug nennen wir namentlich die
Heiligengestalten am Rahmen des Kreuz-
abnahmebildes von S. Trinitü (Uffizien).
Wohl nie ist der Erzengel Michael herr-
licher dargestellt worden als hier. Sodann
die Heiligenfiguren in der Kapelle Niko-
laus V. im Vatikan; dann auf dem Kreu-
zigungsbild in San Marco die klassischen
Gestalten des Täufers, Thomas v. A.,
Augustin, Benedikt, Hieronymus. In die
Sammlung der Düsseldorfer Bilder sind
einige Heiligenbilder Fiesole's übergegan-
gen °. Dominikus, Bernardus, Katharina,
Albertus M., Thomas v. A., Petrus Mar-
tyr, Papst Alexander, Benedikt (fälschlich
Bonaventura genannt). H

J) Auf dem Original im Vatikan steht dieser
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