Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 5.1887

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Wir dürfen nicht unterlassen, noch ein
Wort anzufügen über die Berufung
des englischen Malers nach Nom, wo
ihm Gelegenheit ward, seine Kunst da zur
Geltung zu bringen, wo nach ihm Raphael
und Michelangelo wirkten. Von Papst
Eugen IV., der in Florenz das neue Klo-
ster eingeweiht hatte, wurde der demütige
Mönch nach Rom berufen. Er malte die
Capella del Sagramento im Vatikan; aber
dieses Werk ist untergegangen, da Paul III.
die ganze Kapelle der Anlegung einer
Treppe opferte. Wahrscheinlich nach dem
Tode Engen's IV. kam Fiesole nach Or-
vieto, wo er im Dom in der Capella
nuova sich an die Darstellung eines jüng-
sten Gerichtes machte; er vollendete aber
nur die Gestalt des Richters mit reicher
Engelglorie, sowie den Chor der Prophe-
ten und Apostel mit Maria und die Bilder
der vier Kirchenlehrer und der Ordensstif-
ter; Signorelli führte später die Kompo-
sition vollends aus und Fiesole's Male-
reien fielen theils dem Verderben, theils
der Uebermalung anheim. Der Befehl des
Papstes Nikolaus V. rief den Meister nach
Rom zurück, und er malte nun die Kapelle,
welche den Namen dieses Papstes führt.
Die Hand des Sechzigjährigen, welche hier
das Leben des hl. Stephanus und Lau-
rentius schildert, zeigt keine Schwere und
kein Zittern, keine Ermattung und kein
Nachlassen der künstlerischen Kraft. Die
Kompositionen sind so schwungvoll, frei
und leicht entworfen, als stünde der Künst-
ler noch in Jünglingsjahren. Ja, man
kann sogar von einem gewissen Fortschritt
reden, nicht bezüglich der Kunstauffassung,
aber in der technischen Haltung und for-
mellen Ausstattung seiner Bilder. Hier
zeigt es sich so recht, daß seine Kunstrich-
tung keine versteifte und verknöcherte ist,
die ein für allemal mit einer gewissen Zahl
von Typen und Formen sich begnügen
und mit diesem Eigenbesitz sich abschließen
würde gegen allen Fortschritt und jede
Fortbewegung der zeitgenössischen Kunst.
Er hat ein offenes Auge für alle Fort-

Name auch und ist der Kardinalshut angemalt;
das muß aber erst später geschehen sein. Die
Kleidung ist unzweifelhaft die der Benediktiner;
der Franziskanergürtel fehlt; der ganze Typus
ist der, welchen Fiesole sonst für St. Benedikt
wählt.

schritte, welche die Kunst der Renaissance
in jenen Zeiten namentlich Masolino und
Masaccio verdankte. Er assimilirt sich von
diesen Errungenschaften, was seiner Natur
und dem Charakter seiner Kunst entspricht;
er strebt selbst nach größerer Fertigkeit in
Nachbildung der Natur; die architektoni-
schen Hintergründe, welche in den slorenti-
nischen Bildern oft naiv, mehr nur typisch
behandelt sind, erscheinen in den römischen
Fresken mit bedeutend besserer, nahezu
richtiger Perspektive ausgeftattet; köstliche
Züge aus dem Leben werden einverwoben
und mit feinem Naturgesühl wiedergegeben;
die Kolorirung wird wahrer und richtiger.
So wird Fiesole zum klassischen
Lehrmeister, bei welchem zu ler-
nen i st, w i e die wahre kirchliche
K u n st gegen keine u wirkliche n
Fortschritt sich ablehnend st e l l e n
soll, w i e auch die Renaissance
nicht als u n k i r ch l i ch u n d als vom
Teufel stammend angesehen wer-
denkann, wie aber darauf geachtet
werden muß, daß die kirchliche
Kunst nichts a d o p t i r t, was ihren
Charakter schädigen würde.

In den Lünetten der genannten Kapelle,
welche je durch eine Säule halbirt sind,
erzählt Fiesole zunächst das Leben des
hl. Stephanus. Das erste Bild stellt
die Ordination des Diakons durch Petrus
dar, und zwar ganz nach dem späteren
kirchlichen Ordinationsritus den feierlichsten
Moment, die Ueberreichung des Kelches;
das Bild wird vielfach irrthümlich als
Kommunion des hl. Stephanus bezeichnet.
Die Architektur ist reizend; Petrus steht
vor einem Ciborienaltar, sechs Apostel
assistiren mit andächtiger, inniger Theil-
nahme. Das hl. Bild führt den Diakon
im Berus, Almosen austheilend, vor. Es
ist ein Gottes- und Liebeswerk, das er
verrichtet, sagt seine ganze Gestalt und
Haltung. Ein Kleriker verliest das Ver-
zeichniß der Armen; die Frau, welche mit
ihrem Kinde vor ihm steht, empfängt ihre
Gabe mit demütig dankbarer Bescheiden-
heit, zwei andere gehen zufrieden heim,
beglückt bei all dem Druck der Armut,
der sichtlich aus ihnen lastet. Sehr leben-
dig ist die Predigt des hl. Stephanus vor
sitzenden Frauen und dahinter stehenden
Männern geschildert. Die Frauengruppe
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