Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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Archiv für christliche Kunst.

Grgan des Rottenburger Diözesan-Vereins für christliche Runst.

perausgegeben und redigirt von Professor Du. Aeppler in Tübingen.

Verlag des Rottenburger Diözesan-Runftvereins, für denselben: der Vorstand Professor Dr. Keppler.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährl. für M. 2. 05 durch die württcmb. (M. l. 90
im Stuttg. Bcstellbezirk), M. 2. 20 durch die bayerischen und die Reichspostanstalten,
fl. 1.27 in Oesterreich, Frcs. 3. 40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden
» auch angenommen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags -LOOÖ»
direkt von der Expedition des „Deutschen Bolksblatts" in Stuttgart, Urbansstrahc 94,
zum Preise von M. 2. 05 halbjährlich.

Neue Studien über paramentik.

Von Prof. Kepp lcr.

Die Form der Casula.

Der hier angeschriebene Fragepunkt ge-
hört seit zwei Jahrzehnten fast zu den
gemiedenen, und er ist beinahe ein noli
me Innrere geworden, nachdem ein Erlaß
der Rituskongregation im Jahr 1863 den
sich daran knüpfenden, mit einiger Hitze
geführten Prozeß nicht so fast entschieden,
als durch einen kalten Wasserstrahl ge-
dämpft hatte. Jetzt hat sich die Aufregung,
welche theilweise früher der Verhandlungen
sich bemächtigt hatte, längst gelegt und
verkühlt, und es scheint die Zeit gekommen,
wo man mit voller Ruhe und Objektivität
die Untersuchung wieder aufnehmen kann,
aber auch die Zeit, wo man wegen ein-
gerissener grober Mißbräuche sie wieder
aufnehmen muß.

Es ist nothwendig, daß wir zur Ein-
leitung einen Ueberblick geben über An-
fänge, Verlaus, Richtungen, Ziele und
Resultate der früheren, so lebhaften Casel-
bewegung, und daraus Folgerungen und
Rathschläge abziehen für die fernere theo-
retische und praktische Lösung der wahrlich
nicht unwichtigen Frage.

Nachdem um die Mitte unseres Jahr-
hunderts durch den regeren kirchlichen
Sinn auch das Auge für kirchliche Kunst-
schönheit und für Erkenntniß der Ge-
schmacksverirrungen, mit denen die unmit-
telbare Vorzeit die Gotteshäuser ungefüllt
hatte, wieder erhellt und verschärft worden
war, wandte sich der neu erwachte Kunst-
eiser namentlich auch der Paramentik zu.
Auf diesem ganzen Gebiet ries aber nichts
so sehr nach Hilfe und Erlösung, wie das
Meßgewand. Denn kein kirchliches Ge-
wandstück hatte so schwer unter dem Un-
geschmack und der Prosanationswut der
wilden Zopfzeit gelitten, wie dieses ehr-

würdigste Kleid des Priesters. War es
doch durch eine letzte, radikale Reduktion
seiner Maße aus einem Gewandstück fast
könnte man sagen ein Möbelstück gewor-
den, ein brettsteiser Kasten, zwischen dessen
zwei Wände der Priester gesteckt wurde,
und der nach der Gestalt seiner Vorder-
seite von Welby Pugin, dem großen Re-
staurator der kirchlichen Kunst in England,
den seitdem üblichen Namen „Baßgeige"
erhielt.

Die damaligen Vorkämpfer der kirch-
lichen Kunst unternahmen nun mit aller
Energie den Feldzug gegen dieses Mon-
strum unter den Paramenten. Namentlich
setzte der „Kirchenschmnck" von seinen
ersten Jahrgängen an ihm scharf und un-
ablässig zu.H Es genügte die Aufdeckung
des unlautern Ursprungs und der ästhetisch
und liturgisch horrenden Form der Baß-
geige, um mit Ausnahme weniger, welchen
für die Kirche alles gut genug schien, und
welche absolut dem phlegmatischen Konser-
vatismus huldigten, alle von der Nothwen-
digkeit zu überzeugen, eine andere Form
des hl. Gewandes wieder einzuführen.
Aber welche? Die Frage hieng mit der
weiteren zusammen, ob die Entwicklung

Die Hauptartikel sind folgende: Jahrgg.
1857 Heft 5 S. 70 ff.; 1858 Heft 10 S. 59 ff.;
1859 Heft 4 S. 49 ff.; 1863 Heft 3 S. 65 ff.;
1863 Heft 4 S. 97 ff.; 1868 Heft 4 S. 40 ff.
— Zur Literatur ist hauptsächlich auzumerken:
Bock, Geschichte der liturgischen Gewänder; G a-
vantus, Append. ad rubrias Missale; S. Ca-
rolus Borromaeus, Instructio Fabr. et Su-
pellect. eccl. (acta eccl. Mediolan. p. IV. 1. 2);
Kraus, Realeueykl. Art. Kleidung; Die Her-
stellung und Ausstattung der Kirchen
nach den Beschlüssen des Prager Provinzial-
konzils vom Jahre 1860, Prag 1864; Thal-
hofer, Handbuch der katholischen Liturgik I. Bd.
2. Abth. Freiburg 1887 S. 858 ff. Letzteres Werk
konnte ich für die folgende Arbeit eben noch be-
nützen; dagegen standen mir Thalhofers Artikel
über die Wandlungen der Caselform im Augsbg.
I Paftoralblatt 1860 leider nicht zu Gebot.
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