Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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der Caselform erst im 18. und 19. Jahr-
hundert in die Irre gegangen, oder ob sie
schon seit dem 16. Jahrhundert auf fal-
schen Bahnen sich bewegt habe; ob man
zur Gewinnung der rechten Form Wieder-
aus das 16. oder 12. Jahrhundert zurück-
greisen müsse. In Beantwortung dieser
Fragen theilten sich auch die im Prinzip
einigen Gegner der Baßgeige in verschie-
dene Klassen. Die einen wollten, daß man
der ziemlich zurückgeschnittenen, unten rund
auslansenden Form des Meßgewandes, ans
welcher das Ungetüm der Baßgeige erst
sich herausgebildet hatte, und welche in
Italien seit ca. 2 Jahrhunderten herrschte,
and) bei uns neben der Baßgeige sich noch
erhalten hatte, Gnade angedeihen lasse;
andere befürworteten die Form des 16.
Jahrhunderts und fanden ein weiteres
Zurückgreisen allzu archaistisch; andere,
und ihnen stimmte der „Kirchenschmuck"
bei, verlangten unbedingt Wiederaufnahme
nicht zwar der ältesten Glockenform der
Casula, aber der Form des 11. bis 12.
Jahrhunderts, welche an den Seiten nur
wenig ausgeschnitten noch den ganzen
Körper und die Arme deckt.

In der Zeit bewegter Controverse kam
nun auch der seltsame, unglückliche Name
„gothisch es Meßgew and" auf, mit
welchem man die alte Caselform, nament-
lich die von größeren Dimensionen belegte.
Ob der Name zur Diskreditirnng dieser
Form erfunden wurde, ob er bloß dem
Mißverständniß seinen Ursprung verdankt,
als ob gerade in der Zeit der Gothik
diese Form aufgekommen und im Brauch
gewesen, ob verdrehte Knnstaugen wirklich
„Gothik" in der betreffenden Form sahen
— denn um die F o r m, den Schnitt
handelt es sich, nicht um die so oder so
stilisirten Ornamente —, ob man ihr den
Namen gab, weil ihre Befürworter zu-
gleich Freunde der Gothik waren, konnte
ich nicht mehr herausbringen. Thatsache
ist, daß man beim S ch n i 11 des Meß-
gewands nicht von gothischem oder roma-
nischem Stil reden kann, sowenig als von
einem gothischen Glockenseil oder entern
romanischen Humerale oder Birett, daß die
alte, nicht gesteifte, faltenreiche Casula
weder der Zeit noch den Ländern nach
irgendwie in Beziehung steht zu den Zeiten
des gothischen Stils oder der örtlichen

Ausbreitung desselben, daß daher der
Name gothische, wie nicht weniger der
Name deutsche C a s e l historisch und
stilistisch unsinnig ist. Aber Thatsache ist
auch, daß jener Name in den Verhand-
lungen über die Normalsorm des Meß-
gewandes viele Verwirrung angerichtet hat.
Es heftete sich in der That an den Namen,
und damit an die Bestrebungen zur Wieder-
herstellung jener alten Form der Verdacht
nationalkirchlicher Tendenzen, und jenseits
der Alpen, wo die Baßgeige nie Eingang
gefunden hatte und man daher nicht wußte,
gegen welche Mißgestalt jene Bestrebungen
Front machten, glaubte man vielfach, man
habe es hier mit separatistischen Resorm-
bewegungen zu thnn und es wolle etwas
spezifisch Deutsches gegen den allgemein
kirchlichen und römischen Usus portirt und
gehalten werden.

(Fortsetzung folgt.)

Die neue Airche in Bernsfelden
(D2L Mergentheim.

Ein Blick auf den Situationsplan unse-
rer Beilage orientirt am raschesten über
die Kirchenbaufrage in dieser Gemeinde
und über die Art, in welcher sie gelöst
wurde. Das schwarz schrafsirte Oblongum,
dem ein kleineres, durch Thurm und Sa-
kristei gebildetes sich vorlegt, ist die alte
Kirche. Sie hatte, wie Hunderte von alten
Kirchen unseres Landes, einen noch aus
der romanischen Zeit stammenden Thurm-
chor, d. h. das kreuzgewölbte Untergeschoß
des Thurmes bildete den Chor; nur selten
sind diese Thurmchöre würdige und ent-
sprechende Räume; sie können dies nur
fein, wenn der Thurm, wie dies manchmal
der Fall ist, einen sehr massigen, theilweise
aus dein Viereck ins Oblongum erbreiter-
ten Körper erhielt. In Bernsselden glich
der kleine Raum, den der Thurm dem
Chore bieten konnte, schon mehr einem
Keller. Das Langhaus war aus späterer
Zeit. Die Lichtlänge der ganzen Kirche,
einschließlich des Chors betrug 16,0 Meter,
die Breite 7,30 Meter, die Höhe des
Schiffs 7,0 Meter. Der spärliche Kirchen-
raum konnte für die allmählig auf 286
Seelen (192 Erwachsene, 94 Kinder, dar-
unter 50 schulpflichtige) angewachsene Ge-
meinde natürlich nicht mehr ausreichen.
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